Vorwort



Der Ausgangspunkt des hier vorliegenden Textes war die Vorbereitung von zwei Beiträgen für eine Bibelausstellung. Diese sollten nicht „aufsagend“, sondern eher von der Wirklichkeit her argumentieren, so daß ein Zeitgenosse sie lesen und verstehen kann.

Da die Vorarbeiten etwas umfangreicher wurden, schlug die Hauptbibelgesellschaft vor, das Ganze zu drucken. Dieser Entstehungsprozeß schimmert bei dem Text durch. Im ersten Teil ist es der Konfirmanden- und Taufunterricht, wie ich ihn in den vergangenen Jahrzehnten für Jugendliche und Erwachsene als Gemeindepfarrer in der DDR gehalten habe. Im zweiten Teil ist es ein Beitrag zu „Entstehung, Geschichte und Wirkungsgeschichte der Bibel“. Leider ist die Hauptbibelgesellschaft mit ihrer fast zweihundertjährigen Tradition nicht mehr zahlungsfähig. So ist mein Text der Versuch, über das Internet Menschen unserer Zeit zu erreichen.

An einigen Stellen half mir die Erinnerung an meinen theologischen Lehrer Professor Lic. Gerhard Koch. Er war für mich und manchen anderen in unserem theologischen Denken prägend und hat mir für meine Arbeit als Pastor viel mitgegeben. Das soll auch diese Arbeit erkennen lassen.[1]
Gerhard Koch wurde 1912 in Lübbenau im Spreewald geboren. Nach dem Theologiestudium in Berlin wurde er Pfarrer in Straupitz im Spreewald. Er wurde in Leipzig bei Martin Doerne zum Lic. theol promoviert und leitete die Pastoralkollegs für die Mark Brandenburg in Schwanenwerder. 1949 habilitierte sich Gerhard Koch an der Humboldt-Universität Berlin mit einer Arbeit zum Thema „Die Gegenwart des Christus“ und wurde im selben Jahr Dozent sowie Studienleiter der Evangelischen Akademie in Berlin. Von 1953 bis 1958 war er Inhaber des Lehrstuhls für Systematische Theologie an der Theologischen Fakultät der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. Von da an bis zu seinem frühen, unerwarteten Tod am 24. Dezember 1968 leitete er als Direktor das Predigerseminar in Berlin-Nikolassee.

Die Arbeit am vorliegenden Text bot auch Anlaß für Gespräche mit heute lebenden Menschen, mit Jüngeren und Älteren, unter ihnen Schüler und Pädagogen, mit Menschen, die in der früheren DDR gelebt hatten, und mit Menschen, die immer in der Bundesrepublik zu Hause gewesen waren. Manche Gesprächspartner bekannten sich als Atheisten, andere als Christen. Danken möchte ich allen, die mir durch diese Gespräche bei Formulierung und Verständlichkeit, aber auch durch Ergänzungen und Korrekturen geholfen haben. Für ihre wesentliche Mithilfe danke ich besonders dem Ehepaar Yvonne und Olaf Meyer sowie unserer Tochter Dr. Veronika Albrecht-Birkner und unserem Sohn Helmut Metz. Ein herzlicher Dank gilt auch Frau Cornelia Klug für ihre bereitwilllige Unterstützung.

Ich hoffe, daß die vorliegende Arbeit für Zeitgenossen lesbar und verstehbar ist. Sie soll ein A n g e b o t für Menschen unserer Zeit sein und dabei die Toleranz beachten, die sie selbst fordert.

Die drei thematischen Fragen im ersten Teil entsprechen den Themen der drei Artikel des apostolischen Glaubensbekenntnisses.



Manfred Metz







Zur Wahrheit gehört der Weg
Das Leben ist mehr als der Augenblick

Teil l

Einladung zu einem Blick über Barrieren

„Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie früher war,“ konnte man an einem der Rettungstürme am Strand von Hiddensee im Jahre 2001 lesen. Auch ähnliche Sprüche an Rettungstürmen drückten eine Zukunftsunsicherheit aus. Heute genießen wir noch herrliches Strandwetter, aber es sieht nicht gut aus in der Welt.
Manche Menschen unserer Tage, besonders jüngere, suchen nicht mehr den Weg, sondern nur noch den Spaß des Tages, den „Kick“ des Augenblicks. Auf den ersten Blick erscheint das vielleicht oberflächlich. In Wirklichkeit zeigt sich darin auch eine Resignation, die ihren Grund in Ungewißheit und Unsicherheit hat. Werden wir angesichts der Gefährdungen der Gegenwart noch eine Zukunft haben? Können wir es überhaupt noch verantworten, Kinder zu haben? Während wir so nachdenken, geht der Weg über den Augenblick hinaus weiter.

Als ich im Sommer 2002 wieder nach Sprüchen junger Menschen am Rettungsturm in Vitte auf Hiddensee suchte, fand ich sehr nachdenkliche Worte:

Vergänglichkeit ist Wechsel
des Stoffs der Zeit.
Siehst du ihr stets ins Auge
ist’s Ewigkeit.

So schreibt ein junger Zollbeamter, geboren in Stralsund, heute im Dienst in Hamburg.

An der Vergangenheit gehangen,
die Zukunft im Visier.
Es ist wohl manchmal besser
man lebt im Jetzt und Hier!

So sagt nachdrücklich eine Studentin der Geoökologie im Sommer 2002.

Versuchen wir in dieser Haltung die heute möglichen und sinnvollen Schritte zu gehen, ohne zu resignieren. Mit der Beschränkung auf den Augenblick würde die Gestaltung der Zukunft zufällig. Mancher sagt: „Es ist alles schon mal dagewesen.“ Das klingt nach einem Kreislauf – aber wir gehen nicht im Kreise -, denn so wie heute war es noch nie. Solche technischen Leistungen einerseits und andererseits Gefährdungen der Welt wie heute gab es zu keiner Zeit, aber auch nicht die Liebe, die uns h e u t e erfüllt, und das Leid, das uns h e u t e trifft. Wir gehen h e u t e einen Weg, u n s e r e n Lebensweg.

Eine Hilfe bei unserem Nachdenken kann uns Geschichte sein, Geschichte als gelebtes Leben, als in früherer Zeit gegangener Weg. Sie birgt Erfahrungen von Menschen, die für unsere Zeit zur Sprache kommen sollten, um auch heute ein Leben auf Zukunft hin zu wagen. Bedenken wir Stationen des gegangenen Weges und alte Fragen, die sich heute neu stellen, aber auch die Fragen, die es so noch nie gegeben hat.

Im Gedanken an Zukunft war es immer geraten, nicht nur das Leuchten der Sterne oder den Gesang der Vögel wahrzunehmen, sondern auch auf den Weg zu achten. Wer heute nicht auf die Straße sieht, könnte in eine Baustelle laufen oder im offenen Gully verschwinden (G. Koch).-„Sieh nach den Sternen! Gib acht auf die Gassen!“ [2].

Dabei kann der Glaube an Gott, der mit uns den Weg will und uns und seine Welt nicht aufgibt, auch heute eine wichtige Kraft und ein Wegweiser für uns sein. Aber für viele ist aus unterschiedlichen Gründen eine unüberwindbar scheinende Hürde entstanden. Ganz ehrlich sagt da mancher: Ich bin Materialist geworden. Es ist doch alles Materie, Energie. Er mag dabei an die Entwicklungsgeschichte denken. Es lohnt sich, noch einmal länger bei der Frage zu verweilen, ob nicht der Mensch mehr ist als eine Erscheinungsform und Funktion hochentwickelter Materie. Denn der liebende, vertrauende und sich fürchtende Mensch muß antworten, muß verantworten und wird verantwortlich gemacht.

Lassen Sie sich einladen zu einem Schauen über Barrieren,
und lassen Sie sich einladen, sie zu überwinden.

 

Die Frage nach Gott

 

Von der Erkenntnis her, daß der Mensch ein Wesen des Weges ist, zeigt sich, daß jeder Mensch glaubt. Es fragt sich nur woran. Dabei sind es drei Grundfragen, die jeder Mensch nur glaubend beantworten kann. Es sind die Fragen nach dem Woher und Warum, nach dem Wozu und dem Wohin des Weges.

Woher und warum ist die Welt? Wenn wir uns und andere fragen, erleben wir, daß darauf unterschiedliche Antworten gegeben werden. Die einen glauben, daß dieses Warum und Woher mit Gott zu tun hat. Andere glauben: „Das ist doch alles von allein“, so die populäre Antwort, alles ist Zufall, ungewollt.

Wozu lebt der Mensch? Was ist der Sinn des Lebens? Oft gehen da die Gedanken zu nahestehenden Menschen. Mein Mann, meine Frau braucht mich. Ich muß doch an die Kinder denken. Mancher steht in einem pflegerischen Beruf, um zu helfen. Viele Beispiele einer Haltung finden sich, die im Grunde den Sinn darin sieht, für andere dazusein. Sie wird ebenso opferbereit von Menschen gelebt, die nicht an Gott glauben!
Auch die andere Haltung findet sich, eher eine auf das Ich bezogene: Ich will etwas vom Leben haben. Zuweilen auch ohne jede Rücksicht auf den anderen. So unterschiedlich sehen, glauben Menschen den Sinn ihres Lebens.
Wenn wir Grund haben, an Gott zu glauben, dann liegt es nahe, zu fragen, ob nicht Gott, der Schöpfer, für den Menschen eine Sinnbestimmung gegeben hat.

Wohin geht der Mensch? Diese Frage nach Zukunft schließt die Frage nach dem Tode ein. „Mit dem Tode ist alles aus“ würden viele sagen, wenn sie darauf eingehen müßten. Natürlich spricht man nicht gern darüber und verdrängt den Gedanken an den Tod. Es ist aber ein Glaube zu sagen „mit dem Tode ist alles aus“. Andere verbinden die Frage nach dem Tode mit der Frage nach Gott. Wenn Gott da ist, über unsere Grenzen hinweg, ist er auch im Tode da. Dann muß man nicht glauben, daß mit dem Tode alles aus ist.

Wohin geht der Mensch? Das ist auch die Frage nach der Zukunft der Menschheit. Wenn man so von der Kosmologie her fragt, öffnen sich weite Zeiträume und es kommen da auch Bedrohlichkeiten in den Blick. Beunruhigend wird aber das Fragen, wenn man die Vorgänge unserer Zeit bedenkt. Es ist nicht Pessimismus, sondern nüchterne Betrachtung, wenn man sieht, daß der nach Zukunft fragende Mensch selbst seine Zukunft gefährdet: Kriegsgefahr, Atomgefahr, ökologische Zerstörung, auch die Genforschung birgt Gefahren. Wir beginnen zu bedenken, welche Gefährdung der Welt vom Terrorismus ausgeht, welche weitreichenden Folgen hat der Krieg für die Welt. Beteiligt sind alle Menschen der heute lebenden Generationen. Manche sind, ohne eigenen Einfluß nehmen zu können, leidend ausgesetzt. Andere können etwas tun, viel und weniger. Da müßte sich jeder nach seinen Möglichkeiten bemühen. Ist die Erde nicht dem Menschen als Geschenk gegeben, sollte man sagen, anvertraut, von Gott anvertraut, der die Menschen als seine Partner im Wirken an der Welt geschaffen hat? Das ist denkbar.

Alle drei Fragen legen es nahe, noch einmal nach Gott zu fragen. Wenn wir begründet von Gott sprechen können, müssen die drei Grundfragen eine besondere Antwort erhalten.

Jeder Mensch glaubt! Es fragt sich nur, woran.
Drei Grundfragen zwingen den Menschen zu glauben:
1. Woher und warum ist die Welt?
2. Wozu lebt der Mensch? (Die Frage nach dem Sinn des Lebens).
3. Wohin geht der Mensch? (Die Frage nach dem Tode und nach dem Ziel des Weges)

Diese drei Fragen müssen eine besondere Antwort erhalten, wenn wir begründet von Gott sprechen und auf ihn vertrauen.

 

II

Wenn wir nach Antworten für uns fragen, dann sollte es nicht so sein, daß wir uns nach Mehrheiten richten. Was meinen denn die meisten? Hier geht es um unser eigenes Urteil. Unserer eigenen Meinung sollten wir uns eher anschließen als unbedacht nur dem Zug der Zeit zu folgen.

Für unser eigenes Lebensverständnis hat vieles ein Gewicht, was wir als mehr oder auch weniger prägenden Einfluß nicht weiter bedenken. Die Sprache übernehmen wir weitgehend unbewußt, aber ebenso das Verhalten in bestimmten Situationen. Überkommene Sitten beeinflussen uns. Eltern prägen dabei, Großeltern und Menschen der eigenen Generation.
Ebenso prägen Zeiten, etwa die DDR-Zeit, die Zeit der Teilung überhaupt. Damals hatte Vater vielleicht ein Moped, das öfter repariert werden mußte. Der Sohn sah immer dabei zu und kannte schließlich dieses Moped wie er inwendig und auswendig. Die Tochter hat auf ähnliche Art vieles für die eigene Weise, mit den Dingen umzugehen, für sich aufgenommen. Heute lernt die Jugend in gleicher Weise im Mitgehen und Zuschauen. Vielleicht sollte man dabei an das spielerische Lernen am Computer denken.

Prägen und Tradieren, Weitergeben an die jüngere Generation ist aber in bestimmter Hinsicht schwerer geworden. Früher lebten auf den Dörfern die Generationen beieinander. Die ältere Generation erzählte den Enkeln von früher, erzählte Familiengeschichte. Das Verständnis, daß wir einen Weg gehen, der von weiter herkommt, wurde dabei mit vermittelt. Die Alten erzählten von der eigenen Jugend und von der Zeit, als die nun schaffenden Eltern jung waren. Heute ist das so kaum noch möglich. Der spannendste Film im Fernsehen kann das nicht ersetzen. Vielleicht gibt es doch noch ein Erzählen vom Weg. Da ist das Foto, das Geschichte vermittelt und zugleich etwas von für mich wichtigen Personen. Da könnten noch Briefe sein oder nur eine Postkarte aus dem Kriege oder der Zeit nach der Flucht. Wer sich das bewahren konnte, auch einmal ein Buch zu lesen, wird bestätigen, daß Bücher wie Freunde sein können, die Weg- und Lebensverständnis vermitteln.

Auch Verletzungen prägen uns. Verletzungen, die wir vielleicht unbeabsichtigt zugefügt haben, und die, die uns selbst betroffen haben. Prägen kann auch Erkenntnis der Dankbarkeit, daß uns - vielleicht durch Eltern oder Großeltern - soviel Gutes getan worden ist. Vielleicht haben wir auch selbst einmal Dank erfahren.

Im Dorfe ging man in früherer Zeit an den Gräbern vorbei in die Kirche, auch zu Hochzeiten. Die Wahrheiten des Lebens waren im Erleben dichter beieinander. Der Zentralfriedhof sagt das nicht mehr aus. In der Unruhe unserer Zeit und unter dem Druck der Flut von Nachrichten ist es nicht leicht, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Die Aufgabe bleibt, sich den Blick in die Welt zu bewahren, beobachtend, erkennend, beteiligend. Schule und Fortbildung gehören dazu und das Miteinander. Gespräch, gegenseitige Hilfe und Rat werden lebenswichtig.

Die Darstellung geht von dem Symbol einer Geschichtslinie aus. Verschieden gerichtete Pfeile deuten den Blick nach vorne, das Schauen heute, und das „Gespräch“ mit den Alten an, auch mit denen, die vor uns lebten. An die Schule ist dabei zu denken. Da sind weit zurück reichende Pfeile, manche über viele Jahrhunderte. Weitere Prägungen durch Erleiden und Leid sind durch „piekende“ rote Pfeile angedeutet. Das alles trägt zu unserem Nachdenken, zu unserem eigenen Urteil bei.

Wir bilden uns ein eigenes Urteil, indem wir auf die Menschen „hören“, die vor uns lebten (Geschichte, Bibel) und indem wir den Menschen heute begegnen. Wir schauen uns selbst die Welt an (Weltanschauung) und erfahren sie.

In unserer naturwissenschaftlich geprägten Zeit ist festzuhalten: Die physikalischen Gesetze (Axiome) sind nach Albert Einsteins Relativitätstheorie, Max Plancks Quantentheorie und Werner Heisenbergs Unschärferelation nicht mehr als eherne, anschauliche Gesetze zu verstehen. Verständigen kann man sich sicher darauf, von Naturgesetzmäßigkeiten zu sprechen.
Zur Geschichte der Natur gehören auch Brüche und Ereignisse, die uns nahelegen, von Katastrophen zu sprechen. Dennoch können wir eine sich entwickelnde Ordnung und Harmonie der Natur beobachten. Bewirkt ist diese Geschichte der Natur durch Naturgesetzmäßigkeiten. Das Weltall ist eine sich entwickelnde Ordnung und Harmonie, bewirkt durch Naturgesetzmäßigkeiten.

Bei der Frage nach dem Woher der Welt trifft man oft eine vordergründige Antwort: „Das ist doch alles durch die Naturgesetze bewirkt.“ Der Theologe Karl Heim hat darauf hingewiesen, daß wir weiterfragen müssen: Was ist der Grund der Naturgesetzmäßigkeiten? Sind sie gewollt oder nicht gewollt? In populärer Redeweise: Sind sie gewollt oder „von allein“. Die Antwort ist nur nach der eigenen Anschauung, der eigenen Deutung zu geben, sie wäre letztlich keine Wissensantwort, sondern eine Glaubensantwort.[3]
Dabei ist deutlich, daß der Mensch nicht der Schöpfer des Universums ist. Wenn wir gewollt sagen, dann sprechen wir von einem göttlichen Wollen.
Zu den Antworten: „Ich glaube an Gott, der seine Welt will“, und der anderen: „Ich glaube, es ist alles ungewollt,“ „von allein“, kommt eine weitere: „Ich glaube an nichts“. Näher betrachtet ist diese Antwort auch Glaube, eben der an Nichts. Das kann eine oberflächliche Antwort sein, aber sie kann ebenso sehr bedacht aus dem Nachdenken über das Dasein erwachsen sein. Vielleicht ist sie das Ergebnis eines Leidensweges. Es gibt Menschen, denen ihr Leben so „kaputtgemacht“ wurde, daß sie nicht anders antworten können. Mancher hat sich selber so „kaputtgemacht“, daß er nicht mehr daran denkt, daß es für ihn noch eine Einladung geben könnte. Wenn sie ihn erreichen soll, müßte sie ihm überbracht und ausgesprochen werden.

In das Weltall hinein gehören auch die Menschen. Die großen M deuten dies in der Skizze an. Wenn Gott da ist, dann hat jeder Mensch zu ihm eine Beziehung, ob er sie bejaht oder nicht. Und in das All hinein gehört auch der Tod.

Wir stellen fest:
Das Weltall (Welt, Natur) ist eine sich entwickelnde Ordnung, bewirkt durch Naturgesetzmäßigkeiten (Nat. Ges.). (Definition).

 

 

Wir fragen nach dem Grund der Naturgesetzmäßigkeiten. Sind sie gewollt, oder nicht gewollt? (Teile und Teilchen, die Systeme bewirken). Jede Antwort auf diese Frage ist eine Glaubensantwort, nicht eine Wissensantwort. Als Begriffe etwa der gleichen Erkenntnisebene kann man Deutung, Anschauung, Auslegung und Glaube nennen. Der Mensch muß ein Welt- und Lebensverständnis wagen.

Es war wohl im Herbst 1953. Wir Studenten waren in das auditorium maximum, in den größten Hörsaal der Universität in Greifswald, zu einer Vorlesung über Glaube und Wissen eingeladen. Ein marxistischer Professor wollte uns sagen, daß es mit dem Glauben mehr und mehr zu Ende ginge und das Wissen an die Stelle treten würde. Für einen Glauben an Gott bestünde eigentlich kein Grund mehr. Alles sei eben materiell zu erklären. Ich dachte an das, was ich bei unserem Pfarrer in Genthin, Heinrich Ammer, in der Jungen Gemeinde gelernt hatte. Er hatte Karl Heim gelesen. Ich meldete mich und fand die Zustimmung des marxistischen Professors, als ich mit ihm übereinstimmend sagte, daß alles nach Naturgesetzen in der Welt, im All funktioniere. Ich meinte dann, ob wir nicht – wenn wir nach dem Grund der Natur fragten - nach dem Grund der Naturgesetze fragen müßten: „Woher sind die Naturgesetze?“. Ich wagte zu sagen: „Als Christ glaube ich, daß die Naturgesetze gewollt sind. Sie glauben, daß sie ungewollt sind“. Ich fand, es ehrte ihn, als er zustimmte mit den Worten: „Wenn Sie so wollen, ja.“

 


III

Wenn ich in der DDR-Zeit Konfirmandinnen und Konfirmanden unterrichtete, dann war da manchmal eine deutliche Barriere: Es erschien undenkbar, daß das Weltall, die Welt, die Natur, gewollt sein könnte. Um die Denkbarkeit zu zeigen, schaute ich auf ein anderes System, in dem ebenfalls Gesetze Ordnung bewirken, die nachweislich gewollt sind. Damit sollte nicht bewiesen werden, daß die Naturgesetzmäßigkeiten gewollt sind. Es sollte gezeigt werden, daß denkbar ist: Die Naturgesetzmäßigkeiten sind gewollt. Beispiel waren Staatsgesetze, die gewollt sind und mehr oder weniger gute Ordnungen in der Gesellschaft bewirken

Gesetze im Staat sind beabsichtigt und bewirken Ordnung und Fortgang. Auch die Gesetze in der Natur, die Ordnung und Fortgang bewirken, sind als beabsichtigt denkbar und verständlich.

Wille > > > Gesetze > > > Ordnung

 

Als ich in Greifswald Theologie studierte, wurden wir Studenten in einem Seminar mit dem Satz von der analogia entis (Analogie des Seins) des griechischen Philosophen Aristoteles vertraut gemacht. Mir war daran klar geworden, daß man bei der Frage nach dem Grund der Welt keine zwingenden Schlüsse ziehen kann, aber daß man bei der Antwort, die man für sich findet, immer von der Wirklichkeit ausgehen müßte, wenn man sich nicht einfach etwas ausdenken will.

Im Mittelalter galt:
Wenn du die Welt siehst, so mußt du sagen: es ist ein Gott. - Sonst konnte der Scheiterhaufen drohen.

Seit Gotthold Ephraim Lessing gilt die Einsicht der Toleranz:
Wenn du die Welt siehst, so kannst du sagen: Es ist ein Gott
Oder:
Wenn du die Welt siehst, so kannst du sagen: Es ist kein Gott.

In der sozialistischen DDR-Zeit hieß es der Ideologie entsprechend:
Wenn du die Welt siehst, so mußt du sagen: Es ist kein Gott. - Sonst könnte es sein, daß du nicht auf die Oberschule kommst.

Da erschien wieder das Denken des Mittelalters in der Gegenwart.
Es ist noch immer nicht überwunden.

Hinzufügen möchte ich, daß Gott manchmal als „Tiefe“ oder unpersönlich als ein „Prinzip“ bezeichnet wird. Mit Sicherheit sind in diesem Denken die Naturgesetzmäßigkeiten eingeschlossen. Ich kann nicht deutlich erkennen, ob dabei gedacht ist, sie seien ungewollt aus sich heraus geworden oder aus einem Wollen erwachsen, das vielleicht auch in einem dualistischen Denken von „oben“ und „unten“ Platz hätte mit Zügen des Absoluten. (Siehe auch Teil II zu Station 4).

 

IV

Was kann in der Frage nach dem Grund der Naturgesetzmäßigkeiten dazu einladen, zu sagen, sie sind gewollt? Dabei ist von Gewicht, ob man noch staunen kann. Wir sahen uns Fotos von blühenden Kakteen in der Wüste an. Kein Mensch hat diese Pracht dort gezüchtet. Die Schönheit lädt zum Staunen ein. Das Wasser ist bei Plus vier Grad am schwersten. Diese Temperatur hat es auf dem Grund der Ozeane. Wäre es als Eis bei null Grad am schwersten, so wären die Ozeane trotz der Sonne, die die Oberflächen auftaut, vereist. Leben auf der Erde hätte sich wohl nicht entwickelt. Der Abstand der Erde von der Sonne ließ die Entwicklung des Lebens zu. Wäre sie viel näher an der Sonne, so wären die Temperaturen für das Leben zu hoch, bei einem weiteren Abstand hätte sich das Leben so auch nicht entwickelt. Mit solchen Beispielen versuchte ich im Konfirmandenunterricht Erstaunen an der Natur nahezubringen.

Viele Umstände lassen die Deutung zu, daß ein Prinzip, eine Tendenz auf den Menschen hin, in der Natur liegt. Manche Naturwissenschaftler sprechen daher heute vom anthropischen Prinzip. Unterschieden wird dabei das schwache und das starke anthropische Prinzip (a. P.).

Das schwache a. P.: „Weil es in diesem Universum Beobachter gibt, muß das Universum Eigenschaften besitzen, die die Existenz von Beobachtern zulassen.“
Starkes a. P.: „Das Universum muß in seinen Gesetzen und in seinem speziellen Aufbau so beschaffen sein, daß es irgendwann unweigerlich einen Beobachter hervorbringt.“
Verschiedene Beobachtungen waren es, die es nahe legten, von einem anthropischen Prinzip ( a. P.) zu sprechen.[4]
Als naturwissenschaftlicher Laie kann ich mir kaum vorstellen, was ich dazu gelesen habe: Daß es in der Nacht dunkel ist, hängt mit der beständigen Ausdehnung des Universums in Lichtgeschwindigkeit zusammen. Käme sie plötzlich zum Stillstand würden die Temperaturen auf der Erde nach einiger Zeit auf mindestens 6000 Grad steigen. Leben, wie wir es kennen, wäre dann nicht mehr möglich.
Wäre die Ausdehnungsgeschwindigkeit nur wenig geringer, hätte sich das Universum schon nach 50 Millionen Jahren wieder zusammengezogen, die Temperatur wäre nie unter 10000 Grad gesunken. Wäre sie nur wenig größer, wäre es nicht zur Bildung von Galaxien gekommen, die Materie würde auseinandertreiben [4].
Im Nachdenken zum anthropischen Prinzip (a. P.) kommen mehrere verschiedene Beobachtungen des Universums zur Sprache, die uns erstaunen lassen können.
Der Astrophysiker Steven W. Hawking stellt in seinem Buch Erwägungen zum anthropischen Prinzip an. Bei ihm kann man den Gedanken finden, daß es möglicherweise nicht nur ein Universum gibt.[5]

Die Fragen führen ins Staunen: Woher kam die gewaltige Energie, aus der durch den Urknall das heutige Universum entstand, und woher kommt es, daß sich das Weltall seit seiner Entstehung vor mindestens 10 Milliarden Jahren ununterbrochen ausdehnt? So fragt Lerke von Saalfeld in einem Essay im März 2001.[6]
Wir sind geneigt, bei der Frage nach dem Grund des Alls an den Ursprung zu denken. Die Frage nach Grund ist aber immer auch die Frage nach dem die Gegenwart tragenden Grund und damit nach dem Geschehen in der Gegenwart. Das Geschehen ist lebendig, ein Wirken und Spiel so vieler Elemente, Kräfte und Gesetzmäßigkeiten, daß wir dies als einen ständigen und schöpferischen Prozeß verstehen können. Die Schöpfung ist weiter auf dem Wege. Das „die Erde bringe hervor ...“ (1. Mose 1 Vers 11) gilt nicht nur für den Anfang. Der Atomwissenschaftler Hans-Peter Dürr [7] gebraucht in seinem Buch ein Bild. Ich habe es so verstanden: Im Fortgang der Zeit, des Weges, ist es, als würde jeden Tag eine neue Karte aufgedeckt. Die neue Karte im Spiel ist einesteils schon vorgeprägt, aber sie ist noch nicht fertig gemalt, sie wird im Hervorziehen neu geschrieben. Sie kann durchaus einmal eine andere sein, als die nächste erwartete Zahl. Da wirkt der kreative Prozeß heute. Er kann auch Überraschendes bringen. Heute wächst auch Neues. Es ist nicht alles vorbestimmt, determiniert, da läuft nicht einfach ein Uhrwerk ab. „Die Zukunft ist im Wesentlichen offen.“ „Die Zukunft ist nicht etwas, das einfach hereinbricht, sondern die Zukunft wird gestaltet durch das, was jetzt passiert.“ „Schon bei den Atomen und ihren Bausteinen stellen wir nämlich fest, daß sie gar keine Materie mehr sind. ... Materie ist nicht aus Materie zusammengesetzt ... Wir stellen fest, die Wirklichkeit ist im Grunde keine statische Realität, keine dingliche Wirklichkeit. Was bleibt, ist - wie wir es nennen – Potenzialität.“ Die Entwicklung der Wirklichkeit vollzieht sich im Spiel dieser Kräfte, auch in verschiedenen Möglichkeiten, im sowohl als auch, aber dabei kommt das Wunder dieser Welt zustande. Hans-Peter Dürr sagt, es ist ein Plussummenspiel (Plus-Summen-Spiel).

Die Gegenwart ist Station auf dem langen Wege der Entwicklung, aus ihr hervorgegangen. Sie hat jedoch einen Spielraum von Möglichkeiten, Gestalt zu prägen und die Richtung zu beeinflussen.
Wir sprechen traditionell von Dingen, man könnte sie „geronnene Potenzialität“ nennen [7]. Was herkömmlich Materie genannt wurde, müßte man so verstehen.

Der Blick in den Makrokosmos läßt uns staunen, wie ebenso der Blick in den Mikrokosmos. Menschen ahnen einen tieferen Sinn der Welt, der es nahe legt, an Gott zu glauben. Dabei werden sie von der Wirklichkeit, vom Leben, in sehr unterschiedlicher Weise angesprochen. Daß du einen Menschen liebst und du geliebt wirst, daß du ein Kind im Arm halten darfst, daß eine Landschaft zu dir spricht, das kann die Frage nach dem tieferen Sinn auftun und Antwort nahelegen.
Musik kann ermutigen, an Gott zu denken. Von Albert Einstein ist überliefert, daß er sagte: „Jetzt weiß ich, daß es einen Gott im Himmel gibt“. Er hatte Yehudi Menuhin gehört. Der Maler Philipp Otto Runge verband mit den Farben den Gedanken an Gott.

Ein Bauer in meiner Gemeinde - er war es mit Leib und Seele - , konnte sagen, wenn er hinter seinem Pflug ging: Wenn ich die Natur sehe, dann preise ich meinen Herrgott.

Diese Gedanken sollen auf eine große Breite des Wunderbaren hinweisen. Aber alle diese Erstaunlichkeiten beweisen Gott nicht. Sie stellen jedoch vor eine Entscheidung. Lassen wir uns dazu einladen, gewissermaßen locken, dem Wunderbaren das Wirken Gottes abzulauschen, den Schritt zu dem Vertrauen, zu dem Glauben zu wagen, daß Gott doch da ist. Der Blick in die Wirklichkeit hat dabei besonderes Gewicht. Denn von Gott zu sprechen, muß seinen Grund in der Wirklichkeit angeben können. Der sollte nicht nur ein Hinweis auf die vorhandene Tradition sein. Gott ist immer in seinem Wirken, an seinen Werken - in der Wirklichkeit - erkannt worden.

Die Naturwissenschaft wird weiter intensiv forschen, wir werden immer mehr von der Natur wissen. Das Weltbild wird noch präziser werden, wird sich noch mehr verfeinern. Aber immer neu steht der Mensch vor der Aufgabe, dieses Weltbild anzuschauen und es zu deuten, seine Weltanschauung, seinen Glauben zu finden. Wer noch staunen kann, kann noch glauben. Ich meine, an Gott glauben. Das Staunen mag ein Verweilen an einer Schwelle sein, auf der mich die Einladung erreicht, zu erahnen, zu erkennen: Das ist nicht Zufall, „von allein“, „aus sich selbst heraus“, sondern da wirkt ein größeres Wollen und Verwirklichen, da ist Gott am Werke. Das Staunen kann ich als eine Einladung zu diesem Glauben verstehen, zu einem Blick über Barrieren und zum Weitergehen mit Gott über die Barrieren, die mir bisher den Weg versperrt haben.

Hier würde aufleuchten, daß Gott den ganzen Weg seiner Schöpfung mitgegangen ist und heute schöpferisch bei seiner Welt ist. Das legt schon hier nahe, danach zu fragen, wie kooperativ unser Wirken an der Welt dabei sein müßte. Wir können nicht einfach - mit einer gewissen Überheblichkeit - Gott für seine Welt allein verantwortlich machen. Deutlicher als zu anderen Zeiten - weil das Handeln der Menschen heute offensichtlich für die Welt so folgenreich ist - müssen wir unsere Mitverantwortung an der Welt erkennen. Die Frage: Wie kann Gott das zulassen? ist zu einfach. Wir müssen uns letztlich als Partner Gottes im Wirken an der Welt wieder erkennen.

Weil die Naturgesetzmäßigkeiten eine großartige Ordnung in der Natur bewirken und eine erstaunliche Schönheit der Welt zustande kommt, kann uns das ermutigen, die Welt als gewollt, bewahrt und geleitet zu verstehen. Das Erstaunen an der Wirklichkeit (!) ist bei den Menschen in sehr unterschiedlichen Bereichen des Lebens möglich. Dieser Ansatz in der Wirklichkeit ist kein Versuch eines Gottesbeweises.


V

Naturwissenschaftler sind immer wieder für ihre Erkenntnisse geehrt worden. Das darf jedoch - wenn die Welt als Schöpfung erkannt wird – nicht den Blick für den Schöpfer verstellen. Der Mensch hat die Naturgesetzmäßigkeiten nicht geschaffen.

Den, der die Welt will, nennen wir Gott, denn der Mensch hat die Naturgesetzmäßigkeiten nicht geschaffen. Er hat sie als Naturwissenschaftler erforscht, findet sie vor, formuliert sie (er faßt sie in Formeln). Der Mensch schafft sie nicht


Wenn jedoch Gott gesagt wird, sollte auch Gott , der uns und seine Welt will, gemeint sein.
Jesus nennt Gott den Vater, also in seinem Wesen männlich. Gott werden in der Bibel auch weibliche Züge zugesprochen. Beim Propheten Jesaja Kapitel 66 Vers 13 steht das gute Wort: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“. An manchen Stellen ist an die Geborgenheit im Mutterleib gedacht, wenn von Gott gesprochen wird.

Heute muß man hinzufügen, daß in anderen Kulturen der, der die Welt will und werden ließ, mit einem anderen Namen genannt wird. Da sind Toleranz und Respekt geboten und zugleich die Ermutigung zum Gespräch.
Bei allen Differenzen zwischen den Religionen müssen wir nach Brücken fragen. In der einen Welt wird es auch möglich sein, voneinander zu lernen und Ängste voreinander zu überwinden. Um Zukunft zu gewinnen und Bewohnbarkeit zu erhalten, muß es auch zu Verständigungen, Vereinbarungen und gemeinsamen Bemühungen kommen.

VI

In den Tagen um den 17. Juni 1953 hörte ich eine Vorlesung bei dem Philosophen Günther Jacoby in Greifswald. Er war ein alter Professor. Er war kein Marxist. Wohl auf Grund seines Namens in der Wissenschaft „durfte“ er noch Vorlesungen halten. Auch wir Theologen hörten ihn gern. Er kannte die Philosophien der Welt. Er kannte das Denken der alten Chinesen, der Inder, der Griechen und des Abendlandes. Er war sehr schwerhörig. Zur Verständigung mit den Studenten benutzte er ein Hörrohr. Es war die Zeit, in der wir alle Marxisten, eben auch Materialisten werden sollten. Er sprach mit hohl klingender Stimme. Man mußte erst eine Weile zuhören, um seine Worte verstehen zu können. So wollte er uns in diesen Tagen des Aufstandes etwas Grundsätzliches und Gültiges sagen. Etwa wörtlich sagte er: „Meine Dame (es war nur eine Dame anwesend), meine Herren! Merken Sie sich eins: Der Mensch ist auf die Dauer in seinem Wesen nicht manipulierbar“. Er fügte noch hinzu, man könne ihm wohl eine Zeit lang etwas aufreden und aufsetzen, aber das Leben würde es eines Tages wieder abstoßen und beiseite legen. Unter dem Manipulationsdruck des Medienzeitalters mag das heute etwas länger dauern als 1953.
Wenn ich eine Predigt über den Bibeltext vom Anfang der Bibel (1. Mose Kapitel 1 Vers 27) zu halten hatte, dann dachte ich an die Worte von Günther Jacoby. Das Bibelwort lautet: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn, und schuf sie als Mann und Weib“. Das sagt etwas vom unverlierbaren Wesen des Menschen. Man kann verschiedener Meinung darüber sein, was das heißt „zu seinem Bilde“. Mir war am verständlichsten: „Zu seinem Gegenüber“. Der Mensch ist ein „vernehmend – antwortendes Wesen“. Er ist sich nicht selbst genug in der Welt. Er muß die Welt vernehmen, den Mitmenschen, die Natur, die Schöpfung, Gott, und er muß antworten, auch verantworten. Die Frage des Gewissens taucht auf. Oft ist es beeinflußt, manipuliert, vielleicht „totgeschlagen“ oder belastet. Man bekannte auch: „Ich habe ein schlechtes Gewissen.“ Aber viele kennen es ihr Leben begleitend mit der Frage, die sehr eindringlich sein kann: „Wie kann ich mich vor Gott verantworten“. Von daher werden die Gebote verständlich. Sie sind nicht von außen heran getragene Befehle, sondern Einsichten. Jeder sollte sie kennen, sie sollten auch allen vermittelt werden.

(Die Gebote mit den Erklärungen Martin Luthers sind im Anhang zu Station 5 in
Teil II nachzulesen).

Zum 1. Gebot:
„Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst nicht andere Götter haben neben mir.“

Wenn die Welt Gottes Schöpfung ist, dann hat Er den ersten Rang. Nichts und niemand kann dann diesen Rang mit ihm teilen, auch nicht das Geld oder ein kleiner oder größerer Diktator. Damit ist aber auch bestimmt, wer wir sind. Letztlich ist der Mensch Kind Gottes. Wenn das die Wahrheit ist, bleibt er es auch gegen eine eigene Ablehnung Gottes. Von Ihm her hat der Mensch seine Ehre, sie macht die Würde des Menschen aus. Daß der Mensch eine Ehre hat, bemerkt er stets, wenn sie einmal verletzt wird.
Zu den etwas drastischen Sätzen Gerhard Kochs gehörte: „Es gibt einen Unterschied zwischen Mensch und Schwein, auch wenn das manchmal nicht ganz deutlich ist.“

Zum 2. Gebot:
„Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes nicht unnütz gebrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen mißbraucht.“

Wenn Gott den ersten Rang hat, dann ist sein Name mit Respekt zu nennen. Anrede an Gott ist mit dem Gebrauch seines Namens verbunden. Wenn er angeredet wird, dann sollte er auch gemeint sein. Wenn wir „angerufen“ werden, dann wollen wir auch gemeint sein. Anrufe zum Scherz mögen wir nicht. Der oft floskelhaft gebrauchte Name Gottes ist wie ein Anruf, der sein Gegenüber nicht wirklich meint.
Auch wenn wir als Menschen aneinander vorbeireden, wird das auf die Dauer Folgen haben.

Zum 3. Gebot:
„Du sollst den Feiertag heiligen“.

Wenn wir uns als Geschöpf Gottes erkennen, dann liegt es nahe, sich darauf immer wieder zu besinnen. Ein Tag in der Woche ist dafür nicht zu viel. Nach der christlichen Tradition ist es der Sonntag. In den Anforderungen, in denen mancher steht, kann es auch ein anderer Tag sein. Dieser Tag ist ein Tag der Besinnung und Ruhe. Aus dem Bedenken des gegangenen Weges soll es zum Blick nach vorne kommen, vielleicht nur in die kommende Woche oder auf den nächsten Tag. Ein Stück Entwurf dafür wäre gut, nicht nur ein weiteres Dahintreiben. Eine Korrektur ist immer wieder nötig, ein wenig von Woche zu Woche. Wie leicht ist man so auf seine Arbeit festgelegt, daß gar nichts anderes mehr in den Blick kommt. Wozu habe ich das alles gemacht? Ich hätte doch mal zur Besinnung kommen müssen, ist vielleicht späte Einsicht. Zu dem Besinnen gehört auch der Gedanke an Menschen, die ich nicht vergessen darf, und der Dank an Gott, daß er mitgegangen ist, auch die Bitte um Stärkung für das nächste Wegstück, um Erkenntnis: Was ist für mich und für uns in der nächsten Zeit wirklich wichtig?
In der Bibel (2. Mose 20,9-11) hat der Ruhetag seine Begründung in der Schöpfung: Gott „ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der Herr den Sabbattag und segnete ihn“. An einer anderen Stelle (5. Mose 5,12-15) wird der Sabbattag mit dem Gedenken an die Befreiung Israels aus der Knechtschaft in Ägypten begründet.
Die frühe Christenheit verband den Ruhetag mit der Erinnerung an die Auferstehung Jesu Christi. Sie feierte nicht mehr den Sabbat, den Sonnabend bzw. Samstag, sondern den Sonntag als Ruhetag.

Zum 4. Gebot:
„Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß dir‘s wohlgehe und du lange lebest auf Erden“.

Bis jetzt hat ein Mensch Vater und Mutter. Durch sie ist das Leben zu uns gekommen. Sie behalten schon dadurch einen besonderen Rang. Für die meisten von uns kommt ganz gewichtig hinzu, was die Eltern für uns getan haben, daß sie uns „großgebracht“ haben. Da ist es zuweilen nur ein Elternteil oder die Großeltern oder noch andere Menschen, die durch Kindheit und Jugend begleitet und Maßstäbe für das Leben vermittelt haben. Viele Prägungen begleiten uns in unserem ganzen Leben. Sicher wird dann im Erwachsen-werden auch gesichtet und geprüft. Gut ist es, wenn wir den Dank ihnen gegenüber nicht vergessen. Ich meine einen Dank, der sich nicht nur in Worten erschöpft. Mir war immer sehr eindrücklich, wenn mir erwachsene Menschen von Lehrern oder auch Lehrmeistern erzählten, denen sie für ihr Leben viel zu verdanken haben. Eine solche Haltung hat oft eine wegweisende Wirkung, die später immer wieder ins Gedächtnis tritt.

Zum 5. Gebot:
„Du sollst nicht töten“.

Später bei Jesus wird es verbunden mit den Worten: „Liebet eure Feinde“. Das Leben ist ein so hohes Gut. Es ist dem Menschen gegeben, es steht nicht einfach in seiner Verfügung. Und doch werden Menschen von Menschen getötet, Kriege werden geführt. Wie kann Gott das zulassen? So wird immer wieder gefragt und dabei verkannt, daß hier die Menschen gegen Gottes Rat handeln. Im Konfirmandenunterricht habe ich versucht, das an der Kindersendung des DDR-Fernsehens „Sandmännchen“ zu verdeutlichen. Gern habe ich mir am Sonntag abend angesehen, wenn Herr Fuchs und Frau Elster auftraten. Beide hatten so wunderbar sprechende menschliche Züge. Sehr grob sagte ich: „Stellt euch vor, Herr Fuchs und Frau Elster machen Krieg, die arme Elster ist dem Fuchs nicht gewachsen, nur ein paar Federn bleiben von ihr übrig. Wer hat die Schuld in diesem Kriege?“ Wir dachten dann nach, indem wir den Krieg dieser Puppen mit dem Krieg verglichen, den Menschen führen.

Mensch > > > > > > Marionette

Gott > > > > > > Mensch


An der Tafel war zunächst noch kein Wort unterstrichen. Wir verständigten uns nur über den jeweiligen Schöpfer. Die Marionetten, die Puppen waren Geschöpfe des Menschen. Der Mensch war als Geschöpf Gottes gesehen. Es ließ sich erarbeiten, daß der Mensch schuld ist, wenn die Puppen in den Krieg ziehen. Er ist der Schöpfer der Puppen und er bestimmt ihr Handeln. Mensch wurde unterstrichen, der Mensch hat die Schuld am Kriege der Puppen. Wie ist es, wenn Menschen Krieg führen? Ist nicht Gott als der Schöpfer der Menschen daran schuld? Ja, aber es gibt einen Unterschied zwischen Menschen und Puppen. Wir sind nicht Puppen Gottes. Wir können selbst nachdenken und entscheiden. Der Rat des Schöpfers verbindet sich mit dem Gebot: “Du sollst nicht töten.” Der Mensch trägt die Verantwortung für sein Handeln. So wurde in der zweiten Zeile auch Mensch unterstrichen.

Zum 6. Gebot:
„Du sollst nicht ehebrechen“.

Zum Leben eines Menschen gehört auch die Partnerschaft mit dem Menschen, mit dem er sich zusammen auf den Weg begibt. Herkömmlich ist die Ehe eine Lebensgemeinschaft. Sie ist wohl oft als gute Lösung geraten, aber in unserer Zeit ist vieles durch die veränderten Gegebenheiten anders. Es bleibt der zu bewältigende Weg. Da ist es gut, nicht allein zu sein. Da ist es zu wünschen, daß Vertrauensverhältnisse, wie sie sich in einer Partnerschaft ausdrücken, tragfähig bleiben, auch wenn der Weg Belastungen bringt. Da ist ein Leben in das andere integriert. Da verläßt man sich aufeinander. Da ist es ein hohes Gut, wenn zwei den ganzen Weg meinen und nicht nur ein Stück. Es ist ein guter Rat, einander die Partnerschaft nicht zu zerstören.

Zum 7. Gebot:
„Du sollst nicht stehlen“.

Zur Welt eines Menschen gehört auch, was ihn als sein Eigentum umgibt, was zu ihm gehört und ihm gehört. Eine gewisse Sicherung ist heute normal. Aber wir wären in unserem Lebensgefühl freier und reicher, nicht so eingegrenzt, wenn in dieser und jener Gemeinschaft etwas mehr Vertrauen einziehen könnte. In manchen Dörfern wurde die Haustür nicht verschlossen, das gehörte zur Atmosphäre im Dorf. Wenn das auch kaum noch zu vertreten ist, so wäre doch hier und dort eine vertrauensvolle Gemeinschaft möglich, etwa in einer Schulklasse, in der man voneinander weiß, „bei uns klaut keiner,“ oder in einer Kollegialität am Arbeitsplatz, wo man sich aufeinander verlassen kann. In dieser Hinsicht gab es in der DDR-Zeit manche guten Kollektive. Heute würde man wohl eher von guten Arbeitsteams sprechen, in denen einer den anderen unterstützt und wohl auch einmal auf den Weg hilft.

Ein Schüler schrieb mir, daß man beim Thema des 7. Gebotes nicht oberflächlich sein dürfe: „Z.B. kann man einen Obdachlosen, der kurz vor dem Hungertod ist, kaum vom wichtigen 7. Gebot überzeugen.“

In den Strukturen unserer Zeit, etwa in Hinblick auf die Ausbeutung von Ressourcen, werden in vielen Fällen den armen Ländern Werte genommen, für die eine entsprechende Gegenleistung nicht gewährt wird. In ihrer Abhängigkeit müssen sie diesen formalrechtlich gesicherten Diebstahl zulassen. Bei der Ausbeutung von Arbeitskraft entstehen vergleichbare Probleme. Gerechtigkeit für alle zu schaffen, bleibt eine wichtige Aufgabe unserer Zeit. Das 7. Gebot fordert auch hier Konsequenzen.

Zum 8. Gebot:
„Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“.

Zum Leben eines Menschen gehört sein Ruf. Aber es gibt Rufmord. Es gilt wohl „semper aliquid häret“, „es bleibt immer etwas hängen“. Wenn das Schlechte, das einem anderen nachgesagt wird, auch nicht zutrifft, es bleibt ein fauler Baustein zu seinem Leumund. Martin Luther schaut in die entgegengesetzte Richtung, wenn er gegenüber dem anderen rät: „sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum besten kehren.“

Zum 9. und 10. Gebot:
„Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus“.
„Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Weib Knecht Magd Vieh noch alles, was sein ist „.

Der unstillbare Lebenshunger ist ein Hauptthema unserer Zeit. So schrieb mir ein Freund. Die Begehrlichkeit wird mit immer neuen Raffinessen geweckt (Werbung). Da ist so vieles, was man unbedingt haben müßte. Im Großen kann man heute von „feindlichen Übernahmen“ hören. Vielfach gelten „List“ und der „Schein des Rechts“ (Luther) als legitime Weisen, etwas an sich zu bringen. Vielfach herrscht die Meinung: Für Geld kann man alles kaufen, auch Menschen. Aber „Du sollst nicht begehren“ steht gegen den Irrweg des rücksichtslosen Egoismus.

Sehr hilfreich ist es, die Erklärungen Martin Luthers zu den zehn Geboten zu lesen. Er verbindet mit der Erklärung gute, konstruktive Ratschläge gegen die Gier für eine positive Haltung gegenüber Gott und dem Mitmenschen.

Dem zum Bilde Gottes geschaffenen Menschen wird geboten: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und macht sie euch untertan.“ (1. Mose Kapitel 1 Vers 28). Das ist in Verbindung mit den Geboten eine Einladung, Mitschöpfer zu sein und die Erde in der Verantwortung vor Gott zu verwalten.

Wenn wir die Welt als beabsichtigtes Werk Gottes – in langer Entwicklung geworden – verstehen, dann gebührt Gott Geltung und Ehre an erster Stelle und die Menschen empfangen ihre Ehre von Gott.
Alle Gebote werden von daher verständlich.
Menschen können die guten Gebote Gottes übertreten, z.B. Kriege führen. Kriege sind dann Schuld der Menschen. Sie lehnen Gottes Rat ab, aber sie tragen die Verantwortung für ihr Handeln.

VII

Der Tod erscheint dem Menschen fremd, besonders dem jüngeren. Allerdings ist das in unserer Zeit etwas anders geworden. Häufig vernehmen wir Nachrichten von tödlichen Verkehrsunfällen gerade junger Verkehrsteilnehmer. Ich versuchte, das Nachdenken über den Tod in den Unterricht einzubeziehen. Ich fragte beim Zeichnen der Skizze zu II, ob der Tod als so harte Wahrheit, neben dem All oder darin zu verzeichnen wäre. Ein Überlegen war oft damit verbunden, ehe alle sagen konnten, er gehöre doch in die Welt. Er darf nicht ausgeklammert, nicht verdrängt werden.
Der Fortgang der Geschichte ist verbunden mit Geburt und Tod von Generation zu Generation. Wir haben unsere Zeit, aber sie ist wie ein Baustein auf diesem Gang. Gott ist auf dem Wege immer der lebendige Gott, der so durch die Zeiten und in den Zeiten mitgeht. Sein Walten reicht in alle Wirklichkeit, auch bis in den Tod. So bleibt er Gott, Herr seiner Schöpfung über Leben und Tod der Menschen.

Es ist denkbar, daß Gott bis in den Tod hinein wirkt. Bei der Frage nach der Auferstehung Jesu Christi ist darauf zurückzukommen.

Der Tod ist auch Welt und Wirklichkeit, er ist wie ein Baustein in der Schöpfung zu verstehen.
Gott selber bleibt Herr seiner Schöpfung und unabhängig vom Tode und Geborenwerden der Menschen. Gott ist Herr über Leben und Tod.
(Die Denkmöglichkeit des Ostergeschehens ist hier beim 1. Artikel angesprochen).


VIII

Wenn ich in Usedom über den Markt ging, dann konnte es sein, daß mich von auswärtigen Schülern, die aber wußten, daß ich Pastor bin, ein „Grüß Gott“ erreichte. Das war im Norden der DDR ungewöhnlich. Um so treffender sollte dann die nachgestellte Bemerkung wirken: „Wenn du‘n siehst.“ Der Gedanke, daß doch Gott irgendwie nachzuweisen sein müßte, taucht immer wieder auf.
Im Unterricht konnte ich gut an das Besprochene anknüpfen. Wir waren von der Betrachtung der Welt her darauf gekommen, von Gott zu sprechen, die Welt als von ihm gewollt, geleitet und bewahrt zu verstehen. Wenn die Welt, das All, sein Werk ist, muß er dann darin auffindbar, sichtbar, sein?
Damals wurden bei uns noch Kachelöfen gesetzt. Zwei Töpfer arbeiteten bei uns in Usedom und auf den Dörfern. Die Leute sagten Pötter Schulz und Pötter Bärenwald. Im Zimmer stand der Tubben mit dem bewährten angerührten Lehm. - Ein Tubben war etwa wie ein halbiertes hölzernes Faß, er war stabiler und hatte eine breitere Standfläche. - Kacheln und Schamotte wurden gefügt. Der Ofen war dann jeweils ihr Werk. Deutlich war, daß sie nicht in ihrem Werk zu finden waren. Wer etwas davon verstand, konnte wohl sagen welcher Töpfer diesen Ofen gesetzt hatte, aber der Töpfer war nicht im Ofen. Das ließ sich natürlich ausweiten. Der Uhrmacher war nicht in der Uhr usw. Natürlich konnte der Maurer in dem Hause wohnen, das er selbst aufgebaut hatte. Aber das war natürlich nicht zwingend.

Auch wenn Gott nicht sichtbar ist, ist er als Schöpfer denkbar!
Einer, der etwas schafft, muß nicht in dem sein, das er schafft.

Gott > > > > > All
Mensch > > > > > > Ofen, Haus, Uhr


IX

Auf der ersten Seite der Bibel finden wir den Schöpfungsbericht. Das Volk Israel hatte schon eine mehrhundertjährige Geschichte hinter sich, als die Hauptstadt Jerusalem von den Babyloniern unter Nebukadnezar erobert und die Bevölkerung nach Babylonien deportiert wurde. Dort mußten sich die Israeliten mit den Anschauungen der Babylonier auseinandersetzen. Nach deren Meinung hatte der Gott Marduk die Welt geschaffen. Die Welt war danach eine Scheibe, die auf Säulen ruhte. Darüber breitete sich eine Glocke aus, an der Sonne, Mond und Sterne befestigt waren. Der Regen erklärte sich durch undichte Stellen in der Glocke, denn dahinter lag das Urmeer. Auf der großen Scheibe gediehen Pflanzen, Tiere und Menschen. Ein so differenziertes Weltbild hatten die Israeliten nicht. So übernahmen sie es schließlich. Wichtig war ihnen aber, daß nicht Marduk als der Schöpfer gelten konnte, sondern Schöpfer mußte ihr Gott Jahwe sein. Da die Geschichte den Anfang erzählt, mußte sie in der Bibel an den Anfang gestellt werden. Diese Geschichte stellt natürlich das damalige Wissen von der Welt dar. Es ist schon erstaunlich, denn es läßt etwas vom “Niederen” zum ”Höheren”, gewissermaßen eine Evolution, erkennen. Wir müssen aber geschichtlich denken und dürfen die Bibel nicht als ein Naturkundebuch lesen, das uns damit heute gültige Naturwissenschaft lehren wollte. Das Weltbild, das Wissen, bleibt das damalige. Wichtig ist, wie es gedeutet wird. So wie sie es sahen, kamen sie zu ihrer Deutung, zu ihrer Anschauung: Unser Gott Jahwe hat diese Welt geschaffen. Das war damaliger Glaube, er war als Deutung des Weltbildes auch damalige Weltanschauung. So sahen sie die Welt, so schauten sie die Welt an. Wichtig ist zu unterscheiden, das Wissen der Zeit, also das Weltbild und demgegenüber die Deutung des Bildes, die sich im Glauben, der Weltanschauung ausdrückt.
Wenn man Glaube in Verbindung mit Weltanschauung sagt, dann ist zu ergänzen, daß Glaube immer auch einen personalen Vertrauenscharakter hat, eben Gottvertrauen ausdrückt. Aber solche Elemente sind auch mit Weltanschauung verbunden, der man sich gewissermaßen anvertraut und von dorther Lebensentscheidungen trifft.

Im Grundsatz kann man festhalten, daß sich das Wissen in der Geschichte entwickelt und mit dem Fortschritt gerade der Naturwissenschaften verändert. Weltanschauung, Deutung der Welt, Glaube, kann sich begründet in den verschiedenen Abschnitten der Geschichte erhalten.

Schondie Menschen, die vor über 2000 Jahren den Schöpfungsbericht der Bibel geschrieben haben (1. Buch Mose), haben mit ihrem einfachen Wissen von der Natur (damaliges Weltbild) an Gott geglaubt.
Die moderne Naturwissenschaft zeigt uns die sich entwickelnde, großartige Ordnung des Weltalls mit umfassendem Wissen (heutiges Weltbild).

Wir haben noch mehr Grund, diese wunderbare Welt als gewollt, geleitet und bewahrt zu verstehen. Wir können auch heute an Gott als den Schöpfer der Welt glauben. Er ist der mitziehende Gott, er ist verwickelt in die Geschichte der Natur und der Menschen.

 


Die Frage nach Jesus Christus

 

I

Hat Jesus gelebt? Hat man ihn erfunden? So ist vielleicht die erste Frage. Nicht nur der zweite Teil der Bibel, das Neue Testament, das von ihm und für ihn spricht, bezeugt es. Jesus ist auch von seinen Feinden bezeugt worden, die kein Interesse daran gehabt hätten, ihn zu erwähnen, wenn er nicht gelebt hätte.

Als Beispiel sei der römische Historiker Tacitus zitiert, in dessen Worten man noch die Gegnerschaft spürt. Etwa um 110 n. Chr. schreibt er über die Wirkungen des Brandes von Rom unter Kaiser Nero (54-68):
„Nicht werktätige Menschenliebe, nicht Spenden des Fürsten noch Veranstaltungen, die Götter gnädig zu stimmen, wuschen ihn (nämlich Nero) rein von dem schmählichen Verdacht, er selbst habe den Brand der Stadt veranlaßt. Um dieses Gerücht aus der Welt zu schaffen, schob Nero Schuldige vor und belegte sie mit den ausgesuchtesten Strafen, welche man um ihrer Schandtaten willen allgemein haßte, die Christen. Dieser Name wird hergeleitet von einem Chrestus (= Christus), der unter Kaiser Tiberius durch den Landpfleger Pontius Pilatus getötet wurde. Für den Augenblick war damals der verderbliche Aberglaube zurückgedrängt worden. Aber er brach sich wieder Bahn. Nicht nur in Judäa, dem Ausgangspunkt dieses Übels, sondern auch in der Hauptstadt, wo von überall her alles Scheußliche und Schandbare sich in Hülle und Fülle zusammenfindet und Anhang gewinnt. Alle, die sich offen zum Christentum bekannten, wurden zunächst ergriffen, dann auf deren Anzeige hin eine gewaltige Menge. Man konnte sie jedoch nicht der Brandstiftung überführen, vielmehr überwies man sie des allgemeinen Menschenhasses. Mit den dem Tode Geweihten trieb man dann noch Kurzweil, indem man sie in Tierfelle einwickelte und den Hunden vorwarf. Und als der Tag sich neigte, verwendete man sie als Fackeln. Nero gab für dieses Schauspiel seine Gärten her und veranstaltete ein Zirkusspiel, wobei er sich, als Wagenlenker verkleidet, unter das Volk mischte oder auf seinem Wagen stand. Gewiß waren die Bestraften schuldig und verdienten die härteste Züchtigung. Aber es regte sich doch das Mitleid mit ihnen; denn man sagte sich, nicht der Wohlfahrt des Staates sondern der Grausamkeit eines Einzigen würden sie geopfert.“ [43]
Eine Reihe anderer außerchristlicher und gegnerischer Zeugnisse können zitiert werden. Jesus hat gelebt. Wahrscheinlich ist er schon einige Jahre vor dem Jahre Null geboren. Bei der Festlegung des Geburtsjahres hatte man keine exakten Informationen. Die Wissenschaft konnte erst sehr viel später genaueres sagen. Jesus ist etwa 30 Jahre alt geworden, er ist um das Jahr 30 gekreuzigt worden.

Natürlich ist von Interesse, wie er wohl ausgesehen haben mag. Oft ist er gemalt worden. Aber da hat die Vorstellung, die Zeit, und das Woher des Malers entscheidend das Bild bestimmt. Europäische Maler malten einen Europäer, Dürer etwa malte einen Menschen von hier. Afrikaner malten Jesus als Afrikaner, Indianer als Indianer, Indonesier als Indonesier und Chinesen als Chinesen. Wie sah er wirklich aus? War er schlank oder korpulent, groß oder eher klein? Wie lang trug er sein Haar? Seine Gestalt wird nicht näher beschrieben. Sie mag nicht besonders auffällig gewesen sein, vielleicht eher mittelgroß, dunkelhaarig wie viele dort, auch nicht besonders korpulent als Wanderprediger.

Wie er aussah, ist aber wohl nicht so wichtig. Auch bei anderen Menschen interessiert uns nicht so sehr, wie blond sie sind und wie blau oder braun ihre Augen. Uns interessiert viel mehr, wie sie in ihrer Beziehung zu anderen sind.
Wie ist der Schüler in seiner Klasse, zu Mitschülern und Lehrern? Wie ist er zu Hause? Wie ist er zu anderen? Bei jeder und jedem kann man so in seinen Lebensbereich hinein fragen. Wenn wir näher zusehen, ist leicht zu erkennen, daß der Mensch in Beziehungen lebt, man kann sagen, der Mensch lebt wesentlich in Beziehungen. Wir lernen ihn in der Gestaltung der Beziehungen kennen, in denen er lebt und die er wahrnimmt, wie er sie beachtet.

Wenn wir so bei Jesus fragen, in welchen Beziehungen er gelebt hat, dann kann man wohl drei feststellen und versuchen, sie zu charakterisieren:

Die erste Beziehung: Dieser wirkliche Mensch Jesus glaubte an Gott. Dieser Glaube war nicht einfach ein: Er glaubte, daß es Gott gibt. Es war Glaube als ein Vertrauen auf Gott. Er ist da in meinem Leben. Er ist mit auf dem Wege. Ihn kann ich um Stärkung bitten, um gute Gedanken, um guten Rat. Aus diesem Vertrauen hat Jesus gelebt. Oft drückte es sich in seinem Gebet aus. Er schaute auf zum Vater. Seine Jünger lehrte er als Gebet das „Vater unser“. (Text des „Vater unser“ in der Bergpredigt, Matthäus Kapitel 5-7, bei Station 3 in Teil II). So sollten auch sie beten, eigentlich in kindlichem Vertrauen. Jesus hat es durchgehalten bis zur Kreuzigung. „Vater in deine Hände befehle ich meinen Geist“ überliefert der Evangelist Lukas. Bei Matthäus ist als Wort Jesu am Kreuz Psalm 22 Vers 2 gesprochen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“. Es ist ein Wort, das noch durch die Dunkelheit und Verschlossenheit der Stunde nach Gott ruft.

Die zweite Beziehung im Leben Jesu zeigt sich im Miteinander mit seinen Jüngern. Man muß dabei auch an Jüngerinnen denken, die mit zu der Gemeinschaft gehörten. Jesus wollte seinen Weg nicht allein gehen. In der Gemeinschaft lag für ihn eine Kraft. Er sandte sie zu zweit. Er betete mit ihnen. Wachet und betet, sagte er ihnen in schwerer Stunde. Höhepunkt ist das gemeinsame Mahl. Als Passahmahl bekommt es einen besonderen Rang. Einerseits erinnert es an Gottes Bewahren auf dem Wege des alten Israel, - daher der Name - andererseits eröffnet es ein Sich-Erinnern an die Gemeinschaft mit ihm und im Hinblick auf eine in dieser Stunde noch verborgene Zukunft, ein Sich-Vergewissern der Gemeinschaft mit ihm. Es wird das Abendmahl, auch das heilige Abendmahl. Jesus feiert es am Gründonnerstag mit seinen Jüngern, einen Tag vor Karfreitag, dem Tag der Kreuzigung. Gründonnerstag weist nicht auf eine Farbe, sondern kommt von greinen, also weinen - im Abschied von den Freunden.

Die dritte Beziehung reicht über den Kreis der Vertrauten hinaus in die Welt. In ihr sind sie alle eingeschlossen, die er traf oder die zu ihm kamen: Die Fragenden, die Aussätzigen, Menschen, die für andere baten, die Mutter für ihre Tochter, die Freunde für ihren gichtkranken Kameraden, Blinde, Lahme. Da kamen auch solche, die ihm mit Worten eine Falle stellen wollten. Jesus sah sich in der langen Tradition seines Volkes und setzte doch neue Akzente. Bis heute sind seine Reden verständlich und eindringlich. Oft gebrauchte er einprägsame Bilder.

Sinnvoll wäre es, wenn Sie eine Bibel zur Hand nehmen könnten, im Buchhandel und auch bei der Kirche sind Bibeln erhältlich. Geschichten entfalten ja im Lesen ihren eigenen Charme. Es wäre der zweite Teil der Bibel, das Neue Testament aufzuschlagen Die Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, die von Jesus erzählen, stehen am Anfang des Neuen Testamentes.

Ich denke an die Geschichte vom „verlorenen Sohn“, so wird sie jedenfalls meist genannt. (Lukas, Kapitel 15 von Vers 11 an). Sie sagt sehr viel von dem Vater, von Gott aus. So ist Gott, wir verdanken ihm letztlich unser Dasein mit all’ seinen Möglichkeiten. Er ist unser Zuhause und wartet auf uns, wie man nur auf ein geliebtes Kind warten kann, auch wenn wir uns sehr weit von ihm entfernt haben, vielleicht auch verlaufen haben.
Immer wieder finden wir im Neuen Testament, daß Jesus für unsere Sünden gestorben sei. „Sein Blut ist vergossen für viele zur Vergebung der Sünden“ (Matthäus Kapitel 26 Vers 28). Wir können in dem Begriff Sünde das Trennung, Distanz, ausdrückende Wort Sund mithören. Der „verlorene Sohn“ hatte sich weit vom Vater entfernt. Als er umkehrte, wieder zum Vater ging, und von ihm aufgenommen wurde, war durch das Verhalten des Vaters der Sund überwunden, war die Sünde vergeben.
Sünden sind dabei die Handlungen in der Distanz, in der Gottesferne, ohne eine Verantwortung vor Gott wahrzunehmen.

Da ist die Geschichte vom barmherzigen Samariter (Lukas Kapitel 10,25-37). Worauf kommt es an: Nicht daß man zu der richtigen Gruppierung gehört, sondern daß man für andere da ist, wenn es die Situation erfordert – auch unter eigenen Opfern – und ohne viele Worte.

Wie war Jesus als Mensch? Er war nicht ein „Gottmensch“ oder ein Mensch mit einem „göttlichen Akku“. Manche Maler stellen wirklich einen Menschen dar, wenn sie ihn malen, oft auch leidend. Jesus war ein wirklicher Mensch, der sich auf seine Mitmenschen einließ und sich unerwarteten Fragen und dringenden Bitten stellte. Als eine kanaanäische Frau ihn um Hilfe für ihre Tochter bittet (Matthäus Kapitel 15 von Vers 21 an), da weist er sie ab, er sei nur für die verlorenen Schafe des Hauses Israel da. Noch zwei Mal wendet sie sich an ihn mit großer Eindringlichkeit: „Herr, Hilf mir!“ „Ja Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“ „Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst!“ Jesus hat bei diesem eindringlichen Bitten etwas ganz Wesentliches hinzugelernt. Wir treffen den Menschen Jesus, der nicht schon alles weiß und durchschaut. Gerade diese Geschichte zeigt, wie er während des Geschehens zu der Erkenntnis kommt, daß er auch in seinem Wirken über die Grenzen Israels hinausschauen und dasein muß. Der Glaube dieser fremden Frau hat ihn dazu gebracht.

Neue Erkenntnisse Jesu gegenüber Auffassungen früherer Zeit des Alten Testamentes finden wir auch in der Bergpredigt bei Matthäus in den Kapitel 5-7. Kapitel 5, 43-44 sagt er zu der schweren Frage nach Liebe, Hass und Vergeltung:
Ihr habt gehört daß gesagt ist „Du sollst deinen nächsten lieben“ und deinen Feind hassen.
Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.
In den Versen 38 und 39 heißt es: Ihr habt gehört, daß gesagt ist: „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“
Ich aber sage euch: ... wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar
Dabei darf man Jesus nicht weichlich sehen. Er konnte handgreiflich einschreiten. Die Geldwechsler und Taubenverkäufer vertrieb er im Zorn aus dem Tempel. „Mein Haus soll ein Bethaus heißen;“ ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus (Matthäus 21, 12-13).
Schon im Alten Testament finden wir das Liebesgebot (3. Mose 19,18) und immer wieder Gedanken der Rücksichtnahme auf den Mitmenschen.

Im Johannes-Evangelium, Kapitel 8, 1-11 wird berichtet, daß eine Ehebrecherin zu ihm gebracht wird. Schriftgelehrte und Pharisäer fordern, daß er nach dem Gesetz der Steinigung zustimmt. „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Er malt dabei in den Sand. Nach und nach gehen alle fort. Er setzt ihre Schuld der der andern gleich. Er verdammt nicht und weist auf den Weg.

Er stellt sich dem, was die Stunde gebietet, und es ist nicht schon von vornherein ausgemacht, daß er besteht. In der Wüste wird er versucht (Matthäus Kapitel 4 von Vers 1 an). Wie naheliegend mag es sein, in Träumen die Wüste zu verlassen. Er hat in der Wüste die Wüste ausgehalten, aber es war ein Kampf.

Immer wieder sieht er dem Menschen ins Antlitz: „Sagst du das von dir aus, oder haben dir‘s andere über mich gesagt?“. So berichtet das Johannes-Evangelium vom Verhör vor Pilatus (Johannes Kapitel 18 Vers 34). Jesus läßt sich nicht zum Narren halten, auf Spott antwortet er in den Verhören nicht.

Er wünscht sich die Gemeinschaft, der Jünger an der Seite. Er ringt in Schweiß und Tränen. „Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wacht mit mir!“... „Könnt ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?“... „Wachet und betet.“

Er sucht das Leiden nicht: „Vater ist‘s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber.“ Aber er nimmt das Leiden auf sich, um die Liebe zu den Menschen durchzuhalten. Schon im Schmerz dem Tode nahe, sieht er unter dem Kreuz seine Mutter und seinen Jünger Johannes, von dem es heißt: „Den er lieb hatte.“ Er weist sie aneinander: „Frau, siehe, das ist dein Sohn!“. Dem Jünger sagt er: „Siehe, das ist deine Mutter!“

An seiner Seite werden zwei Verbrecher gekreuzigt. Der eine verspottet Jesus. Der andere wendet sich gegen ihn:...“wir empfangen, was unsere Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.“ Als er sich mit dieser Einsicht über sein Leben an Jesus wendet: „Gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Da sagt ihm Jesus: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Dem, der nichts mehr gut machen konnte, der nur die Wahrheit über sein Leben ehrlich ausgesprochen hat, dem sagt Jesus die Gemeinschaft mit Gott zu. Es geht nicht zuerst um das Erleiden, das Jesus auf sich nimmt. Es wird deutlich, daß der so ehrliche Mensch, wie dieser Verbrecher, nicht aus der Liebe Gottes fällt. Jesus leidet, um die Liebe durchzuhalten. Er bricht nicht mit den Menschen. Es ist überliefert, daß er für seine Henker gebetet hat: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“

Das gehört im Leben Jesu zusammen, das entspricht seiner Lebensauffassung:
Die Kraft des Gottvertrauens,
die Tragfähigkeit der Gemeinschaft
und von daher die Liebe zu den Mitmenschen.
In einen Bezugsschema möchte ich das als erste Spalte andeuten:

 

(1) Jesus von Nazareth
wirklicher Mensch
lebte etwa von 0-30

a
Gott
glaubte, vertraute bis in den Tod.
Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist
b
Jünger
(Kirche)
Gemeinschaft
Schüler
Abendmahl
Jesus lädt ein
c
Mensch
(Welt)
liebte bis in den Tod
„Vater, vergib ihnen.“
Barmherziger Samariter
Bergpredigt

Die Spalte (1) beschreibt das Lebensverständnis Jesu, etwa die Jahre 0-30, bis zur Kreuzigung.

a) Jesus lebt und empfängt seine Kraft aus dem Vertrauen auf den väterlichen Gott,

b) und in der Gemeinschaft mit den Schülern (Jüngern) und anderen Menschen.

c) Die Gestaltung seines Lebens ist eine Gestaltung der Liebe, die in Selbstachtung und Opferbereitschaft jedem Menschen gilt.
(Vergleiche Bergpredigt, barmherziger Samariter, Passion).
(Auch das Leben jedes anderen Menschen läßt sich so in Relationen darstellen...).

II

Der Blick geht über den Tod Jesu am Karfreitag hinaus. Ostern ist zu bedenken. Dabei ist zu beachten, daß wir nicht in den häufigen Fehler verfallen, vom Vorurteil her zu entscheiden.
Der erste Schritt soll feststellen, was mit Ostern gemeint ist. Die Skizze zum Leben Jesu soll dazu mit der Frage aufgenommen werden: Wie wird Jesus in den bisher bedachten drei Beziehungen in seinem Verhältnis zu (a) Gott, (b) zu den Jüngern und (c) zu den Menschen sonst, Ostern gesehen? Ostern müssen wir von Jesus Christus sprechen.

Die Spalten 2 und 3 bedeuten Ostern. Christus heißt, der zum König gesalbte (d.h. von Gott bevollmächtigte). Jesus ist von Gott aus dem Tode auferweckt, der Gekreuzigte ist von Gott in göttliche Gewalt eingesetzt. Gott gibt Anteil an seinem Vermögen, an seinem Walten, an seiner Gewalt.

 
1
Jesus von Nazareth
wirklicher Mensch
lebte etwa von 0-30
2
Jesus Christus
Ostern
auferweckt
3
Apostel
Zeugen
Märtyrer
a
Gott
glaubte, vertraute bis in den Tod.
Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist

eins
glauben,
vertrauen,
gehorchen,
bis in den Tod
b
Jünger
(Kirche)
Gemeinschaft
Schüler
Abendmahl
Jesus lädt ein
Gemeinschaft im
Abendmahl
bleibt
Haupt und Leib
c
Mensch
(Welt)
liebte bis in den Tod
„Vater, vergib ihnen.“
Barmherziger Samariter
Bergpredigt
liebt
lieben

 

III

In der Spalte 2 heißt es oben: „Jesus Christus, Ostern auferweckt“.
Ist die Auferweckung Jesu durch Gott denkbar? Dabei werfen wir einen Blick auf die Skizze zum Weltall bei der Frage nach Gott unter II, und VII.
Wer die Auferstehung Jesu Christi verstehen möchte, muß erst erkennen, daß er von der Auferweckung Jesu durch den lebendigen Gott spricht. Der zweite Artikel des apostolischen Gaubensbekenntnisses ist nicht ohne den ersten Artikel zu bedenken.

Das Handeln Gottes in der Auferstehung ist d e n k b a r. (Vgl. Überlegungen zum 1. Artikel Vll).
(Wir sind in der Regel erst dann bereit, Zeugnissen zu glauben, wenn ihr Inhalt dem Verstehen und Denken zugänglich wird bzw. sich ihm nicht verschließt oder entgegenstellt).

 

lV

Das Neue Testament ist nach Ostern, ist von der Osterbotschaft her geschrieben worden. Alle vier Evangelien, Matthäus, Markus ,Lukas und Johannes berichten von Ostern. Der älteste Bericht findet sich bei Markus Kapitel 16 Vers 1-8. Noch ältere Überlieferung lesen wir im 1. Korintherbrief Kapitel 15 in den ersten Versen. Ich mag besonders gern die Berichte bei Johannes, etwa Johannes Kapitel 20 Vers 11-18.

Jesus erscheint Maria Magdalena. Der Auferstandene, von dem sie meint, es sei der Gärtner, sagt nur ein Wort: „Maria“. So kann sie nur Jesus anreden, der ihr vertraut ist, den sie als Menschen kennengelernt hat. Der Selbe begegnet ihr hier. Aber dieser Selbe ist nun nicht als Mensch wieder da. Er ist da als der von Gott Auferweckte. Die Osterberichte sprechen immer wieder davon, daß er „erschienen“ sei. Uns liegt vielleicht nahe, dem sehr skeptisch zu begegnen. Verschließen wir uns nicht gleich. Natürlich leben wir in einer anderen Zeit. Durch keinen Trick könnten wir als Zeitgenossen Teilhaber des damaligen Geschehens werden. Wir haben ja den Menschen Jesus auch nicht als Weggefährten erlebt. Die, die ihn kannten, wurden Zeugen seiner Auferstehung. Die Jünger, die nach Ostern auch Apostel genannt werden, - das heißt Gesandte -,hatten sich zunächst in großer Angst, sie könnten auch gegriffen und hingerichtet werden, versteckt, „verkrochen“ und verbarrikadiert. Nach der Begegnung mit dem Auferstandenen bekennen sie sich öffentlich zu ihm, der als der vom Tode Auferweckte bei ihnen ist. Viele als Apostel in die Welt Gesandte geben für dieses Zeugnis ihr Leben hin. Sie werden zu Märtyrern. Das ist das Meiste, was ein Mensch einsetzen kann. Man kann ihr Zeugnis ablehnen, aber es sollte nicht leichtfertig geschehen. Es entstand der Ausdruck: „Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche.“ In der Apostelgeschichte (Kapitel 7, 54-60) wird die Steinigung des Stephanus berichtet.
Später finden wir in den römischen Katakomben ein Wort an den Wänden: „vivit“, das heißt „er lebt“. Dort findet sich auch das Fischzeichen, das mancher Christ heute am Auto als Aufkleber hat. Das griechische Wort IXTYS, Fisch, wurde zum Geheimzeichen: Iesus Christos Theu Hyos Soter. Es heißt übersetzt: Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter. Weihnachten singen wir: „Christ, der Retter ist da.“ Der Name Jesus ist von dem hebräischen Wort Jeschua hergeleitet. Es bedeutet Retter, Heil, Heiland.
Das Zeugnis von der Auferstehung Jesu ist ganz und gar verbunden mit dem existentiellen Zeugnis der Jünger, der Apostel. Der Apostel ist der Gesandte. Er ist als Zeuge in die Welt gesandt. Wenn die Apostel das Abendmahl feiern, dann feiern sie es in der Gewißheit, der Auferstandene Jesus Christus ist bei ihnen. Der gegenwärtige auferstandene Jesus Christus ist der Grund christlichen Glaubens. Er sendet sie. So kommt das Wort von dem Auferstandenen zu den Menschen. Von den Jüngern heißt es in der Bibel, sie seien der Leib Christi. Das heute etwas ungebräuchliche Wort bedeutet ja, sie sind die Gestalt Christi in der Welt. An ihnen kann man Christus erkennen, ja Gott erkennen, denn indem Gott ihn auferweckte, hat er sich selbst zu erkennen gegeben, offenbart in Jesus Christus.
Damit hat der Herr der Welt sich zugleich zu der Lebensauffassung Jesu bekannt. Gott liebt die Menschen wie Jesus sie liebte. Dieses Leben, das mit der Kreuzigung zunächst als gescheitert verstanden werden konnte, hat Gott herausgehoben. Dieses Leben offenbart den Sinn des Lebens. Es ist ein Leben, das aus Gottvertrauen und Gemeinschaft Kraft zur Hingabe schöpft. Ein Leben, das selbst wenn es in den Tod geht, nicht ins Leere fällt, denn mit der Auferweckung wird deutlich: Gott ist auch im Tode.

Von daher darf bei einer christlichen Beerdigung eine Hoffnung ausgesprochen werden. Wenn Gottes Liebe den Menschen auch im Tode trägt, dann versteht man vielleicht, wenn man von jemandem, der gestorben ist, sagen kann, er oder sie sei „heimgegangen“.

Es kommt darauf an, hinter den Worten der Bibel, den existentiellen Einsatz zu erkennen. Die Nachdrücklichkeit des Zeugnisses kommt von daher.

Wenn die Gemeinde Jesu Christi der Leib, die Gestalt Christi in der Welt ist, so ist die Glaubwürdigkeit der Christen mit ihrem Einsatz für die Mitmenschen, für die Welt, verbunden, so wie Jesus sie gelebt hat.
Glaubwürdiges Leben ist das eigentlich überzeugend Sprechende.

Das Kreuz ist in den Kirchen das sprechende Zeichen geworden. Im Matthäus –Evangelium Kapitel 16 Vers 24 heißt es: „Da sprach Jesus zu seinen Jüngern: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.“ Das ist die Frage nach der Bereitschaft, um der Liebe willen Leiden auf sich zu nehmen, eben sein Kreuz zu tragen. Das kann auch Hingabe des Lebens sein und Blut vergießen bedeuten. Jesus wurde gekreuzigt, weil er die Liebe zu seinen Mitmenschen nicht aufgegeben hat. Solchem Durchhalten unter Opfern um der Liebe willen können wir auch heute begegnen.

Unter den vier Evangelien ist das Johannesevangelium als letztes geschrieben worden, wohl um das Jahr 100. Aus dem langen Bedenken heraus schrieb Johannes in Kapitel 3 Vers 16: „Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Jesus ist der Liebende, der wohl unter allen Menschen Gott am nächsten ist. Johannes nennt ihn den eingeborenen Sohn. Wenn er sterben muß, damit Gottes Liebe den Menschen kund wird, dann muß der liebende Gott ein leidender Gott sein. Er leidet für seine geliebte Welt. Gott hat Mühe mit seiner Welt und sorgt sich um sie. Das ist nicht zu fassen, ohne es mitleidend zu bedenken.

Das Handeln Gottes in der Auferstehung ist b e z e u g t mit dem Tode der Märtyrer und durch die Apostel, dargestellt in den Evangelien und Episteln. Durch die Gemeinde kommt der Auferstandene in der Welt zur Sprache. Sie ist Leib, Gestalt Christi durch die Zeiten, in der Zeit, im Geschehen (Geschichte).
(Noch in der Karikatur und enger Äußerung kommt die Sache zur Sprache, evtl. provozierend und ärgernd, anstoßend und abstoßend) [8]

 

V

Ich habe immer wieder als Pastor Menschen getroffen, die mir erzählt haben, daß sie in ihrem Leben Gott, Jesus Christus, dem Auferstandenen begegnet sind. Daß er da ist und heute wirkt, wurde ihre Glaubenserfahrung. Das war oft mit Geschichten aus schwerer Zeit verbunden. Sie berichteten etwa von der Flucht, von Krankheit und dem Verlust eines ihnen nahen Menschen. In diesem Erzählen lag manchmal ein Erinnern, daß Gott den gangbaren Weg gewiesen habe – manchmal auch den Weg in neue Aufgaben. Er hatte Kraft verliehen in unerträglich scheinendem Verlust. Er hatte Angst genommen und innerlich befreit, die Gewißheit gegeben, daß er auch im Tode da sei.

„Auf Gott vertrauen ist auch ein Sich-fallen-lassen und dabei erfahren, daß er uns auffängt und trägt,“ so sagte es mir ein erfahrener Lehrer, der in der DDR-Zeit naturwissenschaftliche Fächer unterrichtete.
Glaube und Lebenserfahrung gehörten zusammen, entsprachen sich.

Das Handeln Gottes in der Auferstehung entspricht der eigenen Glaubenserfahrung, dem Erfahren von Lebenssinn.

 

Vl

Ostern wird deutlich:
1. Gottes Liebe zu den Menschen. Der bis in den Tod (auch Henker, Verbrecher) liebte, ist von Gott in göttliche Gewalt eingesetzt worden. Gott gibt sich als Vater zu erkennen.
2. Die Lebensauffassung Jesu ist als Sinn des Lebens für alle Menschen, vom Herrn des Lebens, von Gott, bestätigt worden. Gott beantwortet die Sinnfrage.
3. Gott i s t im Tode. Tod ist Welt, Wirklichkeit.

 

VII

Im Juni 1964 – in sozialistischer Zeit - kam von der Firma Schilling aus Apolda eine Bronzeglocke in Usedom an, gegossen aus einer gesprungenen Glocke, die aus Anklam stammte. Usedom hatte früher vier Glocken. Bis auf eine aus dem Jahre 1639 – sie war in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges gegossen worden - mußten alle im Weltkriege abgeliefert werden. In den fünfziger Jahren hatte die Gemeinde zwei Stahlglocken angeschafft, nun kam die vierte Glocke wieder dazu. Im Gemeindekirchenrat mußte vor dem Guß über eine Inschrift der Glocke beraten werden. „Jesus Christus , Herr der Welt“ sollte sie lauten. Dabei war aufgenommen, daß dem auferstandenen Christus von Gott mit Himmelfahrt göttliche Macht verliehen wurde. Jesus wurde damit der Kyrios, der Herr. Letztlich war er nicht mehr „überholbar“. Er war Herr auch im Tode. Oft ist er als Pantokrator, als Allherrscher dargestellt worden. Der Gedanke an Himmel erscheint in neuerer Zeit so nicht mehr überzeugend. Himmel läßt leicht bis hinter den Mond denken. Aber dieses Herrsein bedeutet ein nicht aufrechenbares Wirken in der Geschichte, in der auch die Menschen Gutes und Furchtbares wirken. Manchmal erscheint im Fortgang des Weges, daß da bei allem, was der verantwortliche Mensch dem Menschen antut, bei allem, was er sich und vielen Unschuldigen bereitet, auch eine bewahrende Hand am Werke ist. 1989 konnten wir es spüren.

Himmelfahrt ist nicht eine Entfernung Jesu von der Welt.
Himmelfahrt bedeutet, daß Jesus von Gott als Herr, als Christus eingesetzt ist, in seiner Welt, in der Geschichte, bei seiner Gemeinde zu sein.

An den Herren Jesus Christus glauben heißt, an den gegenwärtigen Christus glauben, den uns Gott als Weggefährten gegeben hat.

(Ablehnung von „Überwelt“ als Äußerung idealistischer Vorstellung.
Wir wissen nur von einer Schöpfung der Welt in einer Vielfalt der Wirklichkeit, die wir nicht durchschauen und beherrschen, sondern wir erfahren etwas davon. – Das ist kein Materialismus. Es ist ein Ansatz bei der Existenz und Welt heute und ein Fragen nach dem Weg.
Woher - das spricht zu uns
Wohin - die Zukunft ist noch nicht geschehen (Geschichte)
Auf Zukunft hin ist das Heute zu leben).

Die folgende Grafik zu Himmelfahrt deutet auf einer Geschichtslinie die Lebenszeit Jesu an, etwa die Jahre 0-30. Im apostolischen Glaubensbekenntnis heißt es: „Aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“ Bei diesen Worten legt sich nahe, „nach oben“ zu denken, fort von der Welt, von der Geschichte. Die beiden roten Striche sollen dieser Vorstellung, die in der geistesgeschichtlichen Skizze (Teil II) erläutert wird, entgegenwirken. Himmelfahrt bedeutet: Er ist bei seiner Welt, er ist bei seiner Gemeinde. Die grüne Linie soll dies andeuten.

 

 

 

Die Frage nach der Gemeinde Jesu Christi

l

Das Schema, das uns helfen sollte, die Beziehungen im Leben Jesu besser zu erkennen (Spalte 1), und auch Ostern verdeutlichen sollte (Spalten 2 und 3), ist von den Aposteln in Verbindung mit dem Auferstandenen durch die Zeiten bis in die Gegenwart weiterzudenken (Spalte 4). Die untergelegte Geschichtslinie soll das mit der Unterbrechung durch die Punktierung andeuten.

 
1
Jesus von Nazareth
wirklicher Mensch
lebte etwa von 0-30
2
Jesus Christus
Ostern
Auferweckt
3
Apostel
Zeugen
Märtyrer
4
Wir
Gemeinde
heute
a
Gott
glaubte, vertraute bis in den Tod.
Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist

Eins

glauben,
vertrauen,
gehorchen,
bis in den Tod

glauben
vertrauen
gehorchen
seinem Rat
b
Jünger
(Kirche)
Gemeinschaft
Schüler
Abendmahl
Jesus lädt ein
Gemeinschaft im
Abendmahl
Bleibt
Haupt und Leib
Gemeinschaft
mit Christus
im Abendmahl
bleibt
c
Mensch
(Welt)
liebte bis in den Tod
„Vater, vergib ihnen.“
Barmherziger Samariter
Bergpredigt
Liebt
lieben
lieben

(4 a) In der Nachfolge des Auferstandenen ist der Christ heute eingeladen, auf Gott zu vertrauen, an ihn zu glauben. Das bedeutet für sein Leben eine Befreiung. Es ist, als gingest du mit einem vertrauten Freund, einem Gefährten, der nicht nur das Leben kennt, sondern der auch das Tal des Todes durchschritten hat. Er wird dich nicht verlassen, aus seiner Hand fällst du nicht. Sein erstes Wort ist immer wieder: „Fürchte dich nicht.“ Das ist eine Quelle befreiender, wirklich spürbarer Kraft.

(4 b) Er sagt: „Folge mir nach.“ Seine Lebensauffassung wird der Rat für mein Leben. Wie er den Sinn des Lebens verstanden hat, so kann auch ich versuchen zu leben.
Ich halte Ausschau nach anderen, die in diesem Glauben ihr Zuhause gefunden haben. Das Miteinander, diese Gemeinschaft bekommt für mich Gewicht. Hier bin ich als Mensch nicht allein. Hier feiere ich den Gottesdienst, das Abendmahl. Hier suche ich Rat und hier ist gegenseitige Hilfe.

(4 c) Natürlich lädt der Christ heute zu seinem Glauben ein, nicht um zu vereinnahmen, sondern um in einer Zeit der Ratlosigkeit in Hinblick auf die Sinnfrage auch dem Mitmenschen die Lebensauffassung Jesu als tragfähige Möglichkeit zu zeigen.
Jesus mutet dem, der ihm vertraut und die Gemeinschaft in der Gemeinde gefunden hat, zu, sich für die Welt heute zu öffnen, im Sinne Jesu im Besonderen für den Menschen in Not und für die Probleme unserer Zeit. Aber es ist auch sehr angenehm und ermutigend, wenn im Alltag und in unserem täglichen Miteinander ein freundlicher Geist zu spüren ist, der die Aufgeschlossenheit füreinander nicht verbirgt.

In Verbindung mit der Gemeinde Jesu Christi wird immer auch vom Heiligen Geist gesprochen. Ich habe ihn bisher nicht erwähnt. Ich möchte den Verdacht vermeiden, daß nun etwas erfunden wird, etwas, daß zur Wirklichkeit keinen Bezug hat, nicht aufweisbar ist. Der Heilige Geist ist immer auch eine Kraft genannt worden. Mir ist sie besonders an den Jüngern deutlich geworden, die sich nach der Kreuzigung in größter Angst, sie könnten auch verfolgt werden, verborgen hielten und die nach der Begegnung mit dem Auferstandenen mit großer Freude entschieden für das Evangelium, für die gute Nachricht (eigentlich Siegesbotschaft) in der Welt eingetreten sind. Diese Kraft sich selbst unter Bedrohung des eigenen Lebens so zu stellen, hatten sie nicht einfach aus sich selbst. Sie bezeugen, daß ihnen diese Kraft – des Heiligen Geistes – gegeben, geschenkt worden ist, daß sie Gnade ist.

Für Menschen heute zeigen sich hier vielfach Barrieren. Wenn Menschen etwas tun, ist das nicht ein Geschehen aus ihrer eigenen Entscheidung und Verantwortung, so wie ich das beim 5. Gebot dargestellt habe? Ja, das bleibt gültig, aber das andere auch: Der Mensch ist ein Beziehungswesen. Uns beeinflußt auch der Geist der Zeit, der Geist einer Gemeinschaft, einer Mannschaft, der Familie. Vor manchem Weg scheuen wir uns, getrauen uns nicht, wenn wir allein gehen müssen. „Wenn du mitkommst, dann ist es etwas ganz anderes, dann kann ich gehen.“ In der Beziehung schwingt auch ein Geist, der natürlich auch entmutigend sein könnte. Wenn wir für uns wagen, ernst nehmen, daß Gott wirklich da ist, wenn wir mit seiner Wirklichkeit rechnen und darauf vertrauen, glauben, er ist der lebendige Gott, wie es die Bibel ausdrückt, dann mag verständlich werden, daß der verantwortliche Mensch durch diesen Geist gestärkt wird. Durch das Liebesgebot kann er sich in seinen Entscheidungen beraten und eben beeinflussen lassen; für die Kraft, die darin liegt, kann er Gott danken. Er dankt für den Heiligen Geist. Im Psalm 139,5 heißt es: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ Wenn er an-wesend ist, dann läßt das sein Wirken ahnen. Es lohnt sich, auch die vorhergehenden Verse zu lesen. Da wird Beziehung spürbar, ein Geist erfahren, der auf das Leben Einfluß hat, ja eine entscheidende Hilfe sein kann. Das Wort Heiliger Geist wird verständlich.

Für uns als dem Leibe des gegenwärtigen Christus heute gilt:
(a) Zur Freiheit gekommen im Vertrauen auf Gott, den Vater,
(b) Gestärkt in der Jüngergemeinschaft mit Christus (Abendmahl),
(c) Menschen heute zu dieser Lebensauffassung zu führen,
(Taufe, Konfirmation, Predigt, Unterricht, Gespräch, Beispiel),

und die Liebe zur Welt als Gottes Welt nach den Konsequenzen der Bergpredigt und des Beispiels Jesu zu gestalten in den Problemen und Sinnbezügen unserer Zeit.

(Das geht über Missionsabsicht und Sorge um den eigenen Bestand hinaus. Erkenntnis Gottes und Kraft des Glaubens sind nicht einfach unsere Leistung, sondern zugleich Gottes Wirken durch den Heiligen Geist).

 

II

Natürlich passiert es leicht, daß man den Menschen verfehlt und ihn bei aller Mühe doch nicht versteht. Besonders häufig geschieht das bei allem guten Willen zwischen den Generationen. Vielleicht durch die schnellen Veränderungen noch leichter als zu früheren Zeiten.

Mein Lehrer Gerhard Koch kam in den fünfziger Jahren während des Semesters zu den Vorlesungen immer mit der Bahn von Berlin nach Greifswald. Er leitete damals die Evangelische Akademie in Westberlin, später auch das Predigerseminar dort. Er wußte, wie leicht man als Theologe den Blick für die Basis verlieren kann. Er wußte, der Mensch ist nicht zu allen Zeiten einfach der Gleiche. Er wollte die Menschen seiner Zeit verstehen. Einige Beispiele sind mir in Erinnerung:

„Das ist mir doch nicht so wichtig, ob unsere Vorfahren die Eisberge des Nordpols angeknabbert haben, oder ob sie durch die Urwälder Indiens gehangelt sind. Ich möchte wissen, wer der Mensch heute ist.“
So versuchte er, uns Studenten aufmerksam zu machen, nach dem Menschen heute zu fragen.

Er ging mit seinen Seminaristen zu später Stunde durch Westberlin. Irgendwo kam ein später Zecher nach Hause. Mit lauten Worten und Beschimpfungen wurde er dort empfangen. Die ganze Umgebung konnte daran Anteil nehmen.
Uns Studenten erzählte er es mit der kleinen Bemerkung: „Sehen Sie, der Mensch wird eben doch nicht aus der Verantwortung entlassen.“

„Überlassen Sie nicht die Wissenschaft einfach den Wissenschaftlern. Achten sie darauf, was sie heute tun. Wir sitzen heute alle in einem Boot. Da gibt es welche, die gehen mit dem Preßluftbohrer an die Bordwand. Sie wollen nur sehen, was dahinter ist. Wasser, das wissen wir doch. Ehe sie zum Zuge kommen und uns alle umbringen, müssen wir sie hindern.“
Zu seiner Zeit war die Genforschung mit ihren möglichen Konsequenzen noch nicht auf der Tagesordnung. Natürlich wollte sich Gerhard Koch nicht gegen sinnvolle Forschung wenden.
Gerhard Koch sprach zu uns vor fünfzig Jahren. Was würde er wohl heute sagen, wenn er sähe, wie sehr mächtige Menschen mit der Mentalität des Asozialen an der Bordwand des Schiffes bohren, in dem wir alle sitzen? Ich denke an die rücksichtslose Nutzung der Ressourcen. Wenn ein Erdölfeld abgeerntet ist, dann gehen wir auf das nächste. Wenn ein Haus abgebrannt ist, dann beziehen wir ein anderes. Es gibt ja noch ein paar Häuser. (siehe Anhang zu Teil I).

Als Theologen mahnte uns Gerhard Koch: Treiben Sie ordentlich Theologie und bleiben Sie auch als Pastoren Theologen. Steigen Sie nicht eines Tages einfach violett aus der Kiepe. Es ist nicht gut, nur noch die Karikatur eines Theologen zu sein. Es endete mit den Worten: „Man kann doch nicht eine Karikatur karikieren.“

Eines Tages erzählte er von einer Fahrt in der S-Bahn. Er beobachtete gegenüber Jugendliche, junge Männer, die sich Bilder von pin-up girls, von wenig bekleideten jungen Mädchen, ansahen. Einer sagte dann: „Guck mal, hat die aber schöne Augen!“ Mit etwas erhobener Stimme berichtete Gerhard Koch und brachte zum Ausdruck, daß er große Hoffnung auf die junge Generation setzte, das war etwa 1955. Er hatte einen Sinn für alles Personale, alles, was von Angesicht zu Angesicht spricht.

Sehr nüchtern konnte er zum Ausdruck bringen, daß es doch auf unserm Weg nicht nur einfach schicksalhaft zuginge, sondern auch einiges an uns selber liegt: „Wie man mit Vierzehn aussieht, dafür kann man nicht, aber wie man mit Vierzig aussieht, dafür kann man.“

Jede Woche kam Gerhard Koch aus Westberlin in die DDR nach Greifswald. Auf seine Weise äußerte er seine Beobachtungen zum Unterschied zwischen den Ost- und Westverhältnissen: Rasiert wird der Mensch zwar im Osten wie im Westen. Aber im Osten wird der Mensch ohne Seife rasiert, im Westen mit Seife.

Die Höhe des Stipendiums hing von den Ergebnissen der alljährlichen Zwischenprüfungen ab. Es wird erzählt, daß Professor Koch einen Studenten vor der Prüfung fragte: „Welche Note brauchen Sie?“ Dann begann er die Prüfung. Das wurde im Rektorat bekannt, und Professor Koch sollte sich verantworten. „Was wollen Sie? Ich lebe schon im Kommunismus, da gilt doch: Jeder nach seinen Bedürfnissen. Sie leben noch im Sozialismus, da gilt: Jeder nach seiner Leistung.“ War seine Verteidigung.

Von diesem Lehrer her lag mir der Kontakt zu den Menschen, ein Bemühen um Verstehen, Mitdenken und Mitgehen immer nahe. Man kann doch nicht einfach seine Lehre, die man gelernt hat, aufsagen. Der Mensch muß doch in seiner Welt erreicht werden, nicht unter Druck gesetzt, aber eingeladen ohne Aufdringlichkeit und mit der Bereitschaft, ihm zu helfen. Vielleicht braucht er gar keine Worte, sondern vielleicht Brot , ein Hemd oder einen freundlichen Blick.[9]

So kommt es dann auch heute dazu, daß Menschen Zugang zum christlichen Glauben suchen und sich eines Tages selbst und ihre Kinder taufen lassen möchten. Ich habe gern Mut dazu gemacht. Man geht mit der Taufe nicht in einen Lebensperfektionismus. Die Taufe ist ein Anfang. Die Bibel gebraucht oft das Bild der Ehe. Da muß das Vertrauen erst mehr und mehr wachsen, man muß Erfahrungen miteinander machen, da gibt es auch Mißverständnisse und Versäumnisse. Da gibt es den Alltag, dem man vielleicht ein Licht aufsetzen sollte. Unsere Kinder nehmen wir mit. Sie gehören zur Familie. Sie gehören mit an den Tisch. Da wird über Vieles gesprochen. Sie wachsen in den Geist dieser Gemeinschaft hinein. In der Regel ist das zu wünschen.

In der Taufe liegt etwas, das wir von jeder guten Mutter und jedem guten Vater kennen: Du kannst immer nach Hause kommen. Du kannst auch dann kommen, wenn du einmal weit von zu Hause weggelaufen bist und kein gutes Gewissen hast.
Natürlich ist von Gott zu sagen, daß ihm doch seine Welt und alle Menschen wichtig sind, daß er sie liebt. Aber wir kommen, um uns und unsere Kinder taufen zu lassen. Darin liegt eine bejahende Antwort auf seine Liebe. Wir können uns darauf verlassen, daß er uns auf unserem Wege niemals fallen lassen wird. Das ist das Heil, das ist das Zuhause, ist die Geborgenheit. Von Martin Luther wird erzählt, daß er sich in dunklen Stunden seines Lebens immer wieder erinnert hat: Ich bin getauft. Darin hat er wieder Halt und Gewißheit gefunden.
In vielen Gemeinden ist der Sonntag nach Ostern, Quasimodogeniti, Taufsonntag. Übersetzt heißt Quasimodogeniti: Wie neu geboren. Man kann verstehen: Ein Mensch, der so in die Geborgenheit eines Zuhause kommt, ist wie neu geboren.

Die Taufe ist ein Anfang (initium). In der Taufe begeben wir uns als Erwachsene oder mit dem Kind (das noch nichts versteht) in die Gemeinschaft mit dem väterlichen Gott. Wir vertrauen darauf, daß er seine Gemeinschaft auf dem Wege gewährt entgegen allem, was von uns aus hindert an Untreue gegen sein Gebot, an Unverständnis, Oberflächlichkeit und Mißtrauen (vergl. Israel).
Gott ist seiner Welt, dem Menschen, zugewandt auch ohne die Taufe, aber in der Taufe geben wir darauf eine bestimmte positive Antwort:
Wir bejahen seine Nähe und Güte, und wir wollen unsere Kinder in ein Gott bejahendes und gehorchendes Vertrauen hineinführen (Christenlehre, Religionsunterricht, Konfirmandenunterricht, Gottesdienst).

 

lll

Zum christlichen Glauben gehört, daß man mit hinein genommen wird, gehört auch Gemeinde, aber damit verbunden auch ein Unterricht, der zum Verständnis hilft.

Das Abendmahl muß erklärt werden, um es zu verstehen: Wir versammeln uns am Tisch des auferstandenen Jesus Christus. Er reicht uns die versöhnende Hand. Wir kommen nicht als Glaubenshelden an seinen Tisch, wir bekennen unseren Kleinglauben und unsere Lieblosigkeit. Wer ehrlich zu ihm kommt, dem schenkt er seine Gemeinschaft. Er wird unser Freund, dem wir uns ganz anvertrauen können. Sicher haben wir „im Hinterkopf“ auch das Wissen um Gottes Majestät und Größe. Aber ihm liegt daran, daß die innere Ferne zu ihm überwunden wird. Das Gebet, das er lehrte, redet Gott als Vater an, als unser Vater. Im Neuen Testament wird an einigen Stellen dies noch überschritten, was in uns wie eine Generationen-Distanz mitschwingt, wenn er seine Jünger seine Freunde nennt. In dem wunderbaren Bild im Johannes-Evangelium Kapitel 15 vom Weinstock und den Reben spricht er in Hinblick auf seine Jünger von seinen Freunden, für die er sein Leben läßt und die er in die Welt sendet. Natürlich ist daran gedacht, daß die, die sich an seinem Tisch versammeln, dort als Freunde begegnen, die tun wollen, was er ihnen gebietet, die danach fragen, was ist heute für uns in seinem Auftrag wichtig. Er richtet sich auf Menschen, die uns sehr nahe sind, und ebenso auf Menschen die wir vielleicht gar nicht persönlich kennen, und auf die zu bewahrende Erde, auf der wir wohnen, die er uns anvertraut hat.

Kelchfenster der Kirche in Stolpe auf Usedom

Der Getaufte ist in die Nachfolge Jesu gestellt, dazu bestimmt, ordiniert, das ist sein Amt, es ist eine Ehre, aber es bedeutet viel mehr als das, was wir heute unter Ehrenamt verstehen, es bedeutet gleichberechtigte Mitarbeiterschaft [10]. Wer so in der Gemeinde lebt, hat das Recht, Pate zu sein. Das Patenrecht ist nicht die Sache „perfekter“ Christen. Jeder Tag läßt uns alle neu am Anfang stehen. Manchmal haben die unmündigen Kinder die reifere Antwort, die aufgeschlossenere Haltung, auf die es gerade ankommt.


Eingeschlossen in die Mitverantwortung ist die finanzielle Unterstützung und damit verbunden die Verpflichtung zur Kirchensteuer. Sie wird durch die Finanzämter eingezogen. Das entlastet das Verwaltungsbüro der Kirche und ermöglicht eine gerechtere Veranlagung. Immer wieder taucht der Vorschlag auf, man möge doch einfach jedem Mitglied überlassen, wieviel Geld es geben möchte und dann auch tatsächlich ohne mahnenden Verwaltungsaufwand gibt. Vieles kann unsere Kirche in der Gesellschaft nur durch die Einnahme der Kirchensteuer tun. Eigentlich erfüllt sie viele Aufgaben, die Verpflichtung aller Bürger sind. Mit der Kirchensteuer wird ja nicht einfach nur Kirche erhalten. Ich dachte schon in der DDR-Zeit daran, daß jeder Bürger zu den übergreifenden Aufgaben herangezogen werden sollte. Der Staat sollte von jedem Bürger eine Kultursteuer erheben. Der Bürger sollte bestimmen, wer seinen Steuerbetrag bekommen soll, etwa als Kirchensteuer seine Kirche. Wenn er keiner Kirche angehört, sollte er sagen, an welchem Ort, in welcher Weise, in welcher Not der Zeit, sein Steuerbetrag – evtl. auch gesplittet – eingesetzt werden soll. Natürlich sollte Kultursteuer zuerst eingesetzt werden, um sinnvolles Lebensverständnis zu vermitteln, aber es gibt in der Sinnfrage soviel Ratlosigkeit, daß der in dieser wichtigen Frage Ratlose dann an den Pannen der Gesellschaft mit tragen sollte. Da sind Umweltprobleme, die alle betreffen. Da ist der Hunger, und es gibt grassierend Aids. Welche Probleme besonders als Aufgaben gestellt werden müßten, mag dann bedacht und entschieden werden.

Die Kinder kommen in den Unterricht. ( Er ist wesentliches Geschehen).
Als Unterrichtete erhalten sie das Recht, am Abendmahl teilzunehmen. Es muß erklärt werden, um es zu verstehen.
Zugleich wird mit der Unterrichtung und mit dem Heranwachsen stärkere Mitverantwortung übertragen. Patenrecht und später Beitragspflicht (Kirchensteuer) sind ein Teil der Mitverantwortung.
(Die Kinder leben vor und nach der Konfirmation und dem Abendmahl als Glieder beteiligt
am Vertrauen, Glauben der Gemeinde, am Versagen und an der Gleichgültigkeit, am Zweifel und Verzagen der Gemeinde, am Missionieren und Verkündigen, am Verkennen, Verstehen und Gelingen).

 

lV

Zur Wahrheit gehört der Weg. Wir sind auf dem Wege. Wir sind Wanderer. Mancher muß mit einer Behinderung vorankommen, andere fühlen sich in der Hektik der Zeit eher im Dauerlauf. Der Gottesdienst ist immer ein Innehalten auf dem Wege, ein Biwakieren. Das Zelt wird am Ziel des Tages aufgebaut. Manche dieser Stationen haben eine besondere Bedeutung. An einigen wird gefeiert. Ich denke an die Festtage im Jahr, auch solche, die viele mitfeiern wie Weihnachten und Ostern. In der christlichen Gemeinde hat jeder Sonntag eine besondere Sinnbestimmung, es ist ein Wandern von Woche zu Woche, von Sonntag zu Sonntag mit der Möglichkeit der Stärkung im Gottesdienst mit dem Abendmahl.

Die Taufe, die Trauung, auch die Beerdigung sind Stationen. Sie haben eine besondere Beziehung zum Lebensweg. Wir bedachten die Taufe.
Bei der Eheschließung ist die Trauung ein Gottesdienst. Wenn ich mit dem Brautpaar die Feier in der Kirche besprach, dann suchten wir nach einem Bibelwort für den gemeinsamen Weg. Oft wählten die beiden aus dem Hohenlied der Liebe im 1. Korintherbrief Kapitel 13 Vers 13: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Gott geht den Weg mit, ihr könnt auf ihn vertrauen, ihr dürft hoffen. Daß er immer für uns aufgeschlossen ist, kann uns ermutigen, auch füreinander aufgeschlossen zu bleiben. Oft wünschte sich das Brautpaar ein Bibelwort aus dem Buch Rut im Alten Testament – eigentlich ein Wort von der Schwiegertochter zur Schwiegermutter – „Wo du hin gehst, da will ich auch hin gehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. ...“ Rut Kapitel 1 die Verse 16-17. Auch der 2. Vers aus dem 6. Kapitel des Galaterbriefes war oft Trauspruch: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“

Am Ende unseres Weges bei unserer Beerdigung versammelt sich die Trauergemeinde zu einem Gottesdienst: Wir befehlen die Entschlafene oder den Entschlafenen Gott, der auch im Tode ist, er bleibt derselbe liebende Gott. Wir erinnern an Stationen, die auf dem Lebensweg des Verstorbenen besondere Bedeutung hatten. Wir danken für sein Leben und vielleicht für Gemeinsamkeit. Wir bitten um Kraft, die Trauer zu tragen, und für die nächsten Schritte, daß wir einander nicht allein lassen.

Der Gottesdienst wird nicht nur durch das bestimmt, was der Jahresablauf immer wieder nahelegt, sondern auch durch die Ereignisse, die uns persönlicher betreffen. Wir haben noch das Jahr 1989 in Erinnerung. Der Weg der ganzen Gesellschaft hier geriet in eine Situation, die ganz viele Menschen in die Kirche führte. Dort wurde mit der Sorge, die alle bedrückte, gebetet, Gottesdienst gehalten. In dem Geist des Strebens nach friedlicher Veränderung gingen sie mit Kerzen auf die Straße. Wir wissen, was diese Gewaltlosigkeit bewirkt hat. Unser Volk konnte erfahren, daß Gott in der Geschichte bewahrend handelt. Dabei wird erkennbar: Der Wert der Kirche muß ein Wert für die Menschen sein. Kirche ist soviel wert, wie sie für die Welt Wert ist.

Gottesdienst bedeutet Stärkung, Gemeinschaft und Wegweisung. Das zielt auch auf die Predigt im Gottesdienst. Sie soll Vorlauf schaffen. Der Weg geht weiter. Heute auf Zukunft hin etwas zu sagen, erscheint oft schwierig. Manchmal muß man zunächst fragen: Wie ist die Stimmung im „Lager“? Mutlosigkeit? Versucht man, über den eigenen Lebensbereich hinaus zu schauen? Sucht man nur das eigene persönliche Heil oder die eigene Gruppierung? Auf jeden Fall genügt es nicht, den christlichen Glauben vergewissernd „aufzusagen“ und vielleicht kulturvoll religiöse Stimmung zu schaffen. Jesus Christus sendet seine Gemeinde in die Welt heute. Der Prediger sollte schon ein Stück Wegansage versuchen, ehe wir uns aus dem Biwak der Gottesdienstversammlung wieder auf den Weg machen. Es liegt durchaus nahe, sie mit der Gemeinde zu erarbeiten. Das nächste Wegstück zu bedenken, ist notwendig. Der Vorlauf, der dabei gewonnen wird, steht am nächsten Sonntag wieder zur Diskussion, er ist auch vorläufig, ist für den Weg nicht endgültig, aber doch unerläßlich. Er gehört zum Wesentlichen des Gottesdienstes.

Ein Pastor, der wie ich heute, im Ruhestand ist, kann so nicht mehr den Weg ansagen. Man kann noch beitragen. Man weiß, es wird darauf ankommen, deutlich und tolerant zu sagen, wofür christlicher Glaube heute steht. Es wird darauf ankommen, ohne Aufdringlichkeit auf Menschen zuzugehen, sie zu besuchen, zu verstehen und mitzugehen.
Vielleicht kann ein Ruheständler erzählen, wo während seiner Dienstzeit Erfahrungen entstanden sind, die zu deutlicheren Aussagen in der Zeit geholfen haben. Es sind nicht nur eigene Erfahrungen, sondern Erlebnisse im Miteinander.
In der DDR-Zeit gab es die Bausoldaten. In Garz auf Usedom war eine Einheit stationiert. Bausoldaten konnten den Wehrdienst mit der Waffe ablehnen. Er blieb dennoch nicht ohne Gewissenskonflikte. Für meinen Kollegen Otto Simon und seine Frau Inge, die auch Pastorin ist, bedeutete die Begleitung und der Rat für die Bausoldaten fast etwas wie mit ihnen leben. Wenn die Soldaten frei hatten, war das Pfarrhaus auch ihr Haus. Im ständigen Kontakt wuchs der konkrete Rat, auch der für die Predigt.
Jeder fand das offene Pfarrhaus, auch die Jugendlichen, mit denen wir am Wochenende in ein Haus der Diakonie fuhren und Themen der Jugendlichen offen besprechen konnten. Vieles taten wir als Nachbargemeinden gemeinsam. Kinder- und Jugendarbeit hatte besonderes Gewicht.

In Benz, bei meinem Kollegen Martin Bartels, lag die Kinderarbeit ganz in seiner Hand. Er hatte dafür eine besondere zusätzliche Ausbildung. Von besonderer Bedeutung war seine Sommerarbeit mit Abendmusiken und Vorträgen in der Benzer Kirche. Viele Künstler kamen nach Benz und trugen mit ihrer Kunst zu den Abenden bei - ohne Honorar. Im Grunde war die künstlerische Arbeit oft in der Begegnung Begleitung der Menschen, man konnte Seelsorge und oft auch Freundschaft sagen. Für viele – darunter auch Atheisten - wurde Martin Bartels der Bruder Martin. Oft war die Kirche im Sommer bis auf den letzten noch hereingetragenen Stuhl besetzt.

Die Mitarbeit in der Gemeinde war fast ausschließlich ehrenamtlich. Die Beauftragung, die Ordination dazu war die Taufe [9]. Da waren die Mitarbeitersonntage, Treffen junger Ehepaare. Die Aufgaben waren vielfältig. Mancher verstand etwas vom Bau, andere konnten mit Kindern umgehen, da war der Bücherverkauf, das „Kirche-sauber-machen“, die Pflege der Anlagen, die Veranlagung zur Kirchensteuer, die Schreibarbeit, das Kassieren, der Besuch, die Vorbereitung eines Gebetes für den Gottesdienst.
Viele bereiteten den Weltgebetstag vor, und viele kamen dazu.
Mütter, Väter und die hauptamtlichen Mitarbeiter waren beim Kindernachmittag beteiligt. Gemeinsam wurde er vorbereitet.
Längere Zeit hatten wir benachbarten Pastoren gemeinsame Predigtvorbereitungen, auch der katholische Pfarrer war dabei.

Diese breit einladende Arbeit hatte ihre Auswirkung. In diesen Gemeinden unserer Nachbarschaft, wir sagten im BUMZ (Benz, Usedom, Morgenitz , Zirchow), kam es – besonders von der Kinder- und Jugendarbeit her - nicht zu dem großen Abbruch der Gemeindegliederzahlen. Es blieben zur Wende bei uns 50% der Bevölkerung. In Benz und Zirchow waren es bei einem starken Anteil der jungen Generation von dieser Gemeindearbeit her 70 % und noch mehr.

Ich bin nicht sicher, ob das für unsere Zeit anregen kann, wenn ich etwas zur Erhaltung unserer Kirchen in der DDR-Zeit sage: Das war Sache der Gemeinde und wirkte doch darüber hinaus. Mit Material halfen uns unsere Partnergemeinden und Freunde in der Bundesrepublik. Die Arbeit wurde legal als Feierabendarbeit von ausgebildeten Handwerkern und motivierten Helfern ausgeführt. Es gab einige Kirchenhandwerker für die Dacharbeit. Einmal half uns der Kreisbetrieb für Landtechnik in Stolpe, das war ein staatseigener Dienstleistungsbetrieb für die sozialistischen Genossenschaftsbetriebe. Er stellte zwei qualifizierte Mitarbeiter für mehrere Wochen für die Reparatur des Kirchturms in Stolpe zur Verfügung. Die Betriebe halfen uns, die LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft), und die KAP (Kooperative Abteilung Pflanzenproduktion, ein spezialisierter Ackerbaugroßbetrieb), die ZBO (Zwischengenossenschaftliche Bauorganisation) und einige private Handwerker. Oft bekamen wir keine Rechnung. Auch die LPG Typ I spendete auf Anregung eines Gemeindegliedes, das der LPG angehörte, 500,- Mark für den Kirchturm in Usedom. Gemeindeglieder und Bevölkerung spendeten für diesen Kirchturm in den Jahren 1983 und 1984 je 20000,- Mark. „Pastor, zum Kirchturm gucken doch nicht nur die Christen...“ Der das sagte, konnte durchaus auch Mitglied der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) sein. Manchmal waren dann die Gottesdienste vom Baugeschehen beeinflußt.

Aus der gemeinsamen Arbeit erwuchs in den siebziger Jahren die bruderschaftliche Leitung des Kirchenkreises.

Die Nähe zum Menschen und die Kenntnis der Situation ist zu jeder Zeit neu zu gewinnen. Aber von daher erwächst die Möglichkeit, Gültiges zu sagen, etwa auch im Gottesdienst.

Auferstehungsfenster Marienkirche Usedom

Ostern 1997 hielt ich nach 36 Jahren in Usedom dort meinen letzten Gottesdienst als Usedomer Pastor. Ich hatte Geburtstag. Meine Mutter hatte mir gesagt, daß ich am Karfreitag geboren wäre. Bei Sonnenaufgang ging ich in die Kirche und läutete die vier Glocken. So war es in Usedom am Ostermorgen Tradition. Von einer Kirchenbank sah ich, wie die aufgehende Sonne das Auferstehungsfenster im Altarraum zum Leuchten brachte, der auferstandene Christus trägt einen roten Siegesmantel. Es ist farbig gebranntes Glas vom Ende des 19. Jahrhunderts. Als ich zum Altar ging, zeichnete sich vor diesem Fenster dunkel das große steinerne Kreuz ab mit der Figur des Gekreuzigten, das auf dem Altar steht. In der Predigt konnte ich sagen, daß wohl jeder Mensch aus einer unerschlossenen Situation, aus dem Dunkel des Fragens nach Sinn und Weg kommt. Ich verglich sie mit Karfreitag. Der Predigttext für Ostern war Johannes 20,11-18, der Auferstandene erscheint Maria Magdalena. Als er - den sie als Toten sucht - ihr am Ostermorgen begegnet, meint sie, es wäre der Gärtner. Er spricht sie mit ihrem Namen an: „Maria“. Sie erkennt ihn. „Rabbi“ (Meister) ist die vertraute Antwort. Ihr geht die Sonne auf. Aus der Verzweiflung heraus öffnet sich ihr das Leben. Ich sagte, daß der Auferstandene jeden von uns als Freund vertraut mit seinem Vornamen ansprechen möchte. Für jeden, der zu ihm kommt ist er ganz aufgeschlossen. „Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende“ (Matthäus 28,20). Mein Konfirmationsspruch, als ein gutes Wort für uns alle stand als Ermutigung für die Zukunft am Ende der Osterpredigt.

Manche Gespräche im Zusammenhang mit diesem Manuskript ließen erkennen, worauf es wohl heute ankommt. Zu dem besonders Eindrücklichen gehörten die Treffen mit Schülern meiner Schule in Genthin. In einem Artikel der „Genthiner Volksstimme“ vom 27.11.2002 fand eine Schülerin eigene Worte, die wiedergaben, was ich zu sagen versucht hatte: „Metz betonte immer wieder, dass man sich Gott nicht als Bestimmer, sondern als Partner vorstellen sollte. So etwas wie ein guter Freund, der in jeder Situation zu dir hält und bei Entscheidungen hilft.“ In diesen Worten sah ich mich verstanden, sie waren für die jungen Menschen bedenkenswert.

Gemeindegottesdienste, Abendmahl, Taufe, Konfirmation, Trauung, Beerdigung, Andachten und dergleichen, auch eine gute Tat als Gottesdienst, sind G o t t e s d i e n s t e auf dem W e g e, in den verschiedenen Stationen des Jahres- und des Lebensweges, des Weges der Gesellschaft und Welt von Ereignis zu Ereignis.
Jeder dieser Gottesdienste soll im Glauben vergewissern, bestärken in der Gemeinschaft, nach Wegweisung suchen, die Welt zu besorgen.

(So hat Gottesdienst Situationscharakter, seine Aussage muß in doppeltem Sinn v o r l ä u f i g sein. Sie soll Wegweisung sein, so konkret wie möglich und darf oder muß als Rat überholbar sein. Mit überholter Aussage (mit zerrissenen Hosen) und in neuer Situation stellt sich die Gemeinde im nächsten Gottesdienst dem Gott, der treu und verläßlich geblieben ist. Das „Ja Vater“ des Gottesdienstes als Lob und Ehre Gottes und Ja zum gehorsamen Tun läßt sie die Stunde annehmen und den Weg wieder angehen).

 

V

Wir hören im Gottesdienst aus der Bibel die alten Lesungen aus der frohen Botschaft (Evangelium) und aus den Briefen (Epistel). Sie sind oft schwer verständlich. Der Predigttext wird ja mit der Predigt erläutert. Ich habe gern ermutigt, die Tatsache solcher Unverständlichkeit nicht so schwer zu nehmen. Wir hören ein Zeugnis aus alter Zeit. Es ist ein Erinnern an den Weg der Gemeinde durch die Zeiten, darin liegt ein Sinn. Wir stehen als Glied in einer langen Kette. Wenn sich uns im Lesen die vergangene Zeit auch nicht gleich erschließt, so ist es doch gut, hinein zu lauschen in die alten Worte, die an frühere Wegstationen erinnern, auch wenn wir heute nicht gleich alles Damalige verstehen können. Oft kann sich alte Zeit nicht mehr ganz für uns erschließen. Verstehen wir ganz unsere Väter und Mütter und die Generation davor? Schon da haben wir Schwierigkeiten.

Wenn sich die Gemeinde zu Gebet und Abendmahl versammelt, dann begibt sie sich in die unmittelbare Nähe zu Gott. Dann treten wir ein. Dann nehmen wir Platz. Dann kann uns das Vertrauen aufschließen, wie wir es zu unserer besten Freundin oder unserem besten Freund haben. Die Worte des Gebetes, die wir finden, mögen dann immer noch gute, formulierte Worte sein. Aber auch das, was uns bewegt, kann dann Worte finden, die nicht vorgegeben sind. Beter haben oft bezeugt, daß ihnen Kraft und Rat im Gebet geschenkt worden sind. Da muß noch einmal vom Heiligen Geist als einer starken Kraft gesprochen werden. Wesentliches haben wir nicht einfach aus uns selbst.

Wir hören im Gottesdienst die alten Stücke (Evangelium, Epistel), um uns des Weges zu vergewissern, um vergangene Zeit und den Weg der Gemeinde möglichst gut zu kennen und daraus zu lernen.
Die Predigt soll uns für unser Wegstück helfen.
Im Gebet und Abendmahl stellen wir uns bewußt in die Gemeinschaft mit Gott, um aus dem Vertrauen auf ihn den bedachten Tag zu gestalten und ihn als Weggefährten zu bitten.

 

Vl

Die Kirchen haben angesichts konkreter Not immer wieder Aktivitäten entwickelt. Diakonie (Dienst, durch den Staub, also ganz unten) und Caritas (tätige Fürsorge, Liebe) sind dabei wohl die bekanntesten. Oft hat die Ökumene als weltweiter Zusammenschluß der Kirchen Hilfsprogramme durchgeführt. Bei diesen Werken der Kirche kommt es darauf an, immer wieder neu zu erkennen, wo heute der Einsatz erforderlich ist. Die kirchlichen Werke sollen nicht als „ewige Werke“ um ihrer selbst willen erhalten werden. Manche haben schon eine lange Tradition. Sie müssen auf die Probleme der Zeit eingehen.
Einige Beispiele seien genannt:

 

Werke der Kirchen und Probleme der Zeit

Brot für die Welt, Misereor,Adveniat, Renovabis, Hoffnung für Osteuropa

  Hunger, Rüstung, Bildung,medizinische Versorgung.
Antirassismusprogramm   Rassismus.
Diakonie, Caritas   Pflegebedürftige, Behinderte,
Abhängige, Angewiesene,
Gustav-Adolf Werk   evangelische Minderheiten
Aktion Sühnezeichen   politisches u. konfessionelles
Mißtrauen, Versöhnung.
Friedensdienste   Versöhnung, Verständigung,
Abrüstung.

Zumeist sind die Probleme der Zeit zugleich Nöte der Welt. Die Kirchen müssen sich ihrer in Solidarität und gegenseitiger Unterstützung annehmen. Dabei müssen sie auch die Arbeitsteilung mit anderen suchen, die sich aufgeschlossen den Ereignissen unserer Zeit zuwenden. Sie wollen auch auf die Nöte hinweisen, manchmal auch alarmieren.

 

Vll

 

Zum Kirchenjahr

Das Kirchenjahr beginnt mit der Adventszeit und endet mit dem Ewigkeitssonntag, der auch Totensonntag genannt wird.
Zu den Zeiten des Kirchenjahres gehört nach der Tradition eine bestimmte liturgische (gottesdienstliche) Farbe. Sie soll in den Überschriften angedeutet werden. Auch Symbole gehören zu den Stationen des Kirchenjahres.

Advent (Ankunft)
Gott, von Menschen oft in einen fernen Himmel gedacht, ist nicht fern. Er kommt zu uns, er ist bei uns. Er geht auf unseren Wegen mit. Er will, daß wir seine Liebe zu uns erkennen.

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin
Sacharja 9.9

Symbol der Adventszeit ist der Adventsstern als Zeichen der Ankunft, aber auch das Tor. Jesus zieht in Jerusalem ein.

 

Weihnachten (Liturgische Farbe weiß)
Gott ist mitten unter uns. Als Mensch wird Jesus geboren im Stall zu Bethlehem. Unscheinbar und arm – und doch wird der Schein von der Krippe, der von Ostern kommt, die Welt erleuchten und seine Armut die Menschen reich machen.
Von der Auferstehungsbotschaft her ist ursprünglich Ostern gefeiert worden, von daher später auch das Fest der Geburt Jesu.

Der Engel verkündet den Hirten:
Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.
Lukas 2, 10 – 12

Symbol für Weihnachten ist die Krippe. Jesus ist im Stall geboren

Epiphanias (Erscheinung) (Liturgische Farbe weiß, die Sonntage danach grün)
Gott ist für alle da – für Arme und Reiche, für Kleine und Große, für Nahe und Ferne, für Fromme und für Zweifler. Nach den Hirten kommen auch die Weisen aus dem Morgenland – als Vertreter aller, die nicht zum „erwählten Volk Gottes“ gehören – zur Krippe. Der Prophet Jesaja sagte:

Gott spricht:
Ich, der Herr, habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte dich bei der Hand und behüte dich und mache dich zum Bund für das Volk, zum Licht der Heiden, daß du die Augen der Blinden öffnen sollst und die Gefangenen aus dem Gefängnis führen und, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker.
Jesaja 42, 6 und 7

Jesus selbst, der sich immer wieder den Fremden, den Ausgestoßenen, den am Rand stehenden zuwendet, verheißt:

Christus spricht:
Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.
Lukas 13, 29

Symbol für Epiphanias ist der Stern, der Stern der Erscheinung.

Passion (Leiden) (Die liturgische Farbe des Karfreitag ist schwarz)
Jesus ist Mitmensch. Aber viele wollen ihn nicht, stoßen ihn hinaus, bringen ihn um, kreuzigen ihn. Er läßt es geschehen, setzt seine Macht nicht ein, duldet, leidet, stirbt – weil er die Liebe zu seinen Mitmenschen bis in den Tod nicht aufgeben will.

Denn der Menschensohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.
Markus 10, 45

Symbole für Gründonnerstag sind Brot und Wein für das Abendmahl Jesu.
Symbole für Karfreitag sind Kreuz und Dornenkrone.

Ostern (Liturgische Farbe weiß)
Gott – die Quelle des Leben – ist auch im Tode. Jesus wird von Gott aus dem Tode auferweckt. Der Tod ist nicht der Schlußpunkt am Ende des Lebens, sondern der Doppelpunkt, hinter dem Wichtiges folgt. Denn Jesu Auferstehung offenbart den Sinn des Lebens und die Liebe Gottes.

Jesus spricht:
Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, selbst wenn er stirbt.
Johannes 11, 25

Symbol für Ostern ist das offene Grab mit der aufgehenden Sonne.

Himmelfahrt (Liturgische Farbe weiß)
Der Auferstandene begegnet seinen Jüngern für einige Zeit. Er geht nicht in einen fernen Himmel, sondern bleibt als Herr bei seiner Welt und in seiner Gemeinde. Er sendet sie in seine Welt. Himmel weist auf Gottes Nähe in seiner Welt.

Der Auferstandene Jesus hat seinen Jüngern verheißen:
Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum geht hin und macht zu Jüngern alle Völker: Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe.
Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.
Matthäus 28, 18 – 20.

Pfingsten (Der fünfzigste - eigentlich Tag - nach Ostern)
Die Freunde Jesu wissen: Jesus ist bei uns und Jesus ist für alle gekommen! Er stärkt sie durch seinen Geist, das setzt sie in Bewegung; das löst ihnen die Zunge; das setzt sie instand, die Fremden und Fremdartigen als Kinder Gottes und Freund Jesu zu erkennen. Als seine Gemeinde, als sein Leib, gehen sie in die Welt. Das ermöglicht es, sich in der Nachfolge Jesu Christi den Problemen der Zeit zu stellen in einer weltweiten Gemeinschaft der Kirche.

Lukas erzählt:
Als der Pfingsttag gekommen war, waren die Jünger alle an einem Ort beieinander. Da geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.
Apostelgeschichte des Lukas Kapitel 2, 1 – 11

Symbol für Pfingsten ist die Taube als Zeichen für den Heiligen Geist.

Trinitatis (Dreieinigkeit) (Liturgische Farbe ist weiß, die Sonntage danach grün)
Gemeint ist die Dreieinigkeit: Gott, Jesus Christus, Heiliger Geist. Gott ist der Schöpfer. Er hat sich in Jesus, den er aus dem Tode auferweckt und dem er als Jesus Christus an seinem Walten Anteil gegeben hat, als liebender Gott offenbart. Durch seinen Geist bewegt Gott Menschen, auf ihn zu vertrauen. Durch seinen Geist will er die Kraft verleihen, die Welt zu bejahen und für die Mitmenschen liebend aufgeschlossen zu sein.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!
2. Korinther 13, 13.

Symbol ist das Dreieck für die Dreieinigkeit von Gott Vater, dem Sohn Jesus Christus und dem Heiligen Geist.

Erntedank
Von Gott empfängt der Mensch seine Ehre. (Die Würde des Menschen ist unantastbar). Gottes Gnade gibt uns das Leben. Gottes Freundlichkeit erhält es uns. Gottes Liebe will uns frei machen, seine Geschenke miteinander zu teilen. Denn alles Wichtige, was wir zum Leben brauchen, ist Geschenk, ist Gnade. Das Schönste, was wir in diesem Leben tun können, ist das Teilen der empfangenen Geschenke. Wir leben ein geschenktes Leben in einer von Gott geschenkten Welt.

Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.
1. Mose 8,22

Symbol kann ein Früchtekorb sein oder eine Getreidegarbe.

Bußtag und Bettag
Im Leben der Menschen gibt es Scheitern, Versagen, Schuld. Sie bewirken oft Trennung; Trennung von den anderen und von Gott. Manchmal scheint die Trennung unüberwindlich. Wir trennen uns oft von Gottes Willen in Gedanken, Worten und in unserem Verhalten. Die Schuld ist zu groß.
Doch Gott will Vergebung möglich machen. Er lädt zu einem Neuanfang, zum Neuanfang mit Gott und zum Neuanfang mit den anderen.

Jesus hat eingeladen:
Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
Matthäus 11, 28 – 30.

Ewigkeitssonntag / Totensonntag
Ostern wird es deutlich: Gott ist auch im Tode. Er fragt nach unserer Antwort auf sein liebendes Mitgehen in unserem Leben. Wir gedenken der Verstorbenen, früher sagte man noch häufiger der „Heimgegangenen“.

Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber.
Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn.
Darum: Wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.
Römer 14, 7. – 8.

Als Symbol entsprechen das Kreuz und der Kranz, aber auch die Stadt der Hoffnung mit 132 Toren: „Das himmlische Jerusalem“.

 

Anhang zu Teil I

Max Frisch schrieb vor etwa 50 Jahren (1957/58) sein Drama „Biedermann und die Brandstifter“[44]. Unter den Augen der Opfer und in ihrem Hause wird der Brand vorbereitet. Mit Spaß wird er entzündet. Marion Skepenat schrieb 2004 in einem Literaturwettbewerb ihre Losergeschichte. Es mutet an, als schauten wir zu, wie das Haus, in dem wir bisher gewohnt haben, zu Asche verbrennt. Mancher schaut mit Spaß über das Feuerwerk der Funken zu. Natürlich ist das Haus nicht mehr bewohnbar. – Aber da sind doch noch ein paar Häuser, ein paar Erdölfelder, noch Ressourcen, die wir verbrauchen können. Das darf so nicht wie selbstverständlich weitergehen.
Die Losergeschichte, von der Autorin Marion Skepenat zur Verfügung gestellt:

 

LOSERLAND


Joes Mama war sicher eine Last für die öffentlichen Kassen, aber harmlos im Vergleich zu den anderen sieben Plagen, die den armen Küstenstreifen in den letzten Jahren heimgesucht hatten. Da waren als erstes die Goldgräber, mit ihren Versicherungen und Vermögens-analysen. Dann kamen die Scientologen, die den sensibelsten Bereich der Region, den Ar-beitsmarkt dominierten. Später fielen türkische Teppichhändler, Hersteller gewölbter Kunststofffenster sowie Produzenten von industriegrünen Dächern und dämlichen Vorabend-serien über das Ländchen her. Auch der friedvollste Ackerbürger besaß eine Rechts-schutzversicherung, armselige Altersrücklagen steckten in überzeichneten Aktien und um die verfallenen Innenstädte zog sich ein Speckgürtel hochverschuldeter Eigenheime. Und schließlich brachten die neuen Landesfürsten die Menschen zum Stöhnen. Sie zeichneten sich durch einen verworrenen Idealismus aus, den sie mit fehlender Sachkompetenz mischten, um dies als Landespolitik im Spinnennetz ihrer korrupten Abhängigkeiten einzusetzen. Potenzielle Investoren hatten bald ihre empfindlichen Fühler eingezogen, alter Erfahrungen gedenkend, dass die roten Korsaren noch nie zwischen Mein und Dein unterscheiden konnten. So leuchteten nachts über gespenstisch leeren Gewerbegebieten Flutlichter, da, wo am Tage auf einem perfekt ausgebauten Straßennetz illegale Autorennen stattfanden. Sonnen- und Nagelstudios waren die florierende Schwerindustrie des Landes.
Wer Verstand hatte, ging. Wer Geld verdienen wollte, ging. Wer jung war, ging. Das Land war ermattet, die Zeit war ohne Bedeutung, denn Zukunft würde sich hier nicht einstellen.

Sogar die Hundebabys waren hässlich, in jenem Viertel, in dem Jonny aufwuchs. Dunkel, windschief, nach Männerurin und Katzenexkrementen stinkend die Gassen. Krummbeinig, ringelschwänzig, heimtückisch die Welpen. Beziehungen, wenn sie entstanden, entstanden aus Zufällen und Missverständnissen und blieben als schwaches soziales Netz ohne Liebe und Verantwortung bestehen.
Jonnys Mama war eine gebildete Frau. Sie verbrachte den größten Teil des Tages in Rauchschwaden gehüllt vor dem Fernseher und war unschlagbar in ihrem Wissen, was Liebe, Leiden, Polizeiarbeit, Medizin, Justiz, Wetter, Politik, kurz alle Facetten des Lebens, betraf. So manövrierte sie die ihr Anvertrauten mit exakten Kommandos sicher durch die Mühsal des Lebens. Ma erhob sich nur, wenn „etwas dran war“. Dann versammelte sie in entschlossener Aktivität ihre Heerscharen um sich und verkündigte feierlich: „Das Fahrrad für Ronny is dran.“ Oder: „Die Legosteine für Andy sind dran“. Oder oder oder. Viele Dinge waren dran. Wer immer sich ihr oder den ihrigen in den Weg stellte, dem drohte sie mit den mächtigen zwei - dem Bossi-Anwalt und der Bild-Zeitung. Mit diesen Waffen, der geballten Kraft ihrer ungebändigten Nachkommen und der dumpfen Ahnung ihrer redlichen Seele um die bürger-lichen Rechte, war Ma die erfolgreichste Heimsuchung der örtlichen Sozialämter.
Sie war zäh in ihrem Kampf gegen Behörden jeder Art. Eines ihrer Prinzipien war es, dem Leben alles abzuringen, was es sich abringen ließ. Ihr zweites Prinzip, und diese beiden hielt sie für absolut ausreichend, lautete, dass ein Vorname nur dann schön war, wenn er auf y endete. Und so hieß Joe eigentlich Jonny, wie seine Geschwister Ronny, Conny, Andy, Mandy, Cindy, Kimy hießen. Die Mitgift, die Ma ihnen anvertraute, waren einige wichtige Sätze, mit denen man durchs Leben kam, weil sie von universeller Art und damit in ihrer Großartigkeit immer anwendbar waren. Am häufigsten predigte sie: “Lasst euch nich auf eure bürgerlichen Rechte pissen, von niemanden nich!“
Jonny wuchs also in liebevollem Nichtumsorgtsein auf und mit der dringlichen Auffor-derung, auf die sechs Kleineren achtzugeben (was sein Leben in der Tat durchzog) und sich nicht auf seine bürgerlichen Rechte pissen zu lassen (was eher diffus blieb). Er war ein bemerkenswert hübscher Knabe. Mit seinen dunklen, gleichmäßigen Zügen, durch die eine sanfte Schönheit schimmerte, glich er seinem Vater aufs Haar. Der taugte nicht zum Leben und zum Bleiben, aber er streute zauberhafte Geschöpfe in die hässlichen Tage. Mit Mas zunehmendem Alter und ihrer wachsenden Kinderschar wurden die Männer grobschlächtiger und bedrohlicher, aber „man muss nehmen, was man kriegt“ war einer ihrer passenden Über-lebenssätze. Jonnys war für sein Geschwister verantwortlich, sein Leben bestand aus tempo-reichen Sackgassen, die schließlich in einer einzigen großen Flucht endeten. Als Miet-nomaden hinterließen sie manchen zerstörten Wohnraum, sie reisten durch Sozialwohnungen und Frauenhäuser. Sie schlugen sich mit Fürsorgern und Polizei herum. Ma und ihre Brut mit den schönen Namen rannten ihrem unschönen Leben davon: ihren Mietschulden, den prügeln-den Männern, den Anforderungen und den Regeln. Irgendwann war Jonny der Kindheit endlich entkommen, er war großgewachsen, noch immer strahlend und fand seinen Namen eindeutig zu klein. Er häutete sich und wurde Joe.
Nie hätte Joe beschreiben können, was er vom Leben erwartete, aber zwei große Ziele wohnten in seinem Herzen: die Sehnsucht nach Ruhe und die Hoffnung auf Schönheit. Er hielt es für wichtig, dass die Dinge nacheinander abliefen und bedacht werden konnten.
Inzwischen hatte er auch eine Möglichkeit gefunden, das Elend um sich herum auszu-blenden: er schloss einfach die Augen zu schmalen Schlitzen und reduzierte damit die Dinge, die auf ihn zutraten, auf das Unvermeidliche. Ein weicher Schleier legte sich über die Welt, Wesentliches blieb ausgespart und so mogelte er sich am Rande seines Lebens entlang, den Kleingeist im Kopf und den Kleinmut im Herzen tragend. Eli, ein Mädchen von unbe-deutender Hässlichkeit, verliebte sich sofort in sein arrogantes Gesicht. Sie hielt ihn für cool. Er glaubte, sie wäre hübsch. Eine weitere unheilvolle Beziehung war geboren.
Joe ging den verschiedensten Geschäften nach. Er war ein guter Ladendieb, langsam, aber sehr sorgfältig. Bei kleineren Hehlereien war er unentbehrlich, bei jeglicher Schwarzarbeit sehr zuverlässig. Er konnte ein wenig dealen und kannte diesen und jenen. Nichts Groß-artiges. Nichts Gewalttätiges. Als er nun bei Eli strandete, einem Mädchen, das einer geregelten Tätigkeit nachging, die eine winzige Wohnung voller Kunststoffblumen und mit einem Festnetzanschluss hatte, sprang ihn ein warmes Glück an. Was wusste er von ihren Träumen, in denen sie von glutäugigen Piraten entführt wurde.
Beide wollten schnell besiegeln, was ihnen wie ein unverdientes, zu großes Geschenk schien. Bei ihrer Hochzeit sah Joe gerührt, dass Eli Rouge aufgelegt hatte. Ein pinkfarbener Balken zog sich horizontal über jede Wange und in den Fältchen um ihre Augen hatten sich Puderreste abgesetzt. Der junge Mann war voller Hoffnung. Alles würde gut werden. Ohne Zweifel, auf seiner Reise zur Schönheit hatte er eine Gefährtin gefunden.
Der Flittertag fand des Glanzes wegen auf dem heimischen Rummel statt und wie ein Gleichnis für die Tage, die auf sie zukamen, langweilte sich Eli, während Joe unter erheb-lichen Magen-Darm-Problemen litt, die er der unglücklichen Kombination von Alkohol und himmlischen Überschlägen verdankte.

Bald musste der junge Ehemann mit schmerzlicher Überraschung feststellen, dass seine Frau von einer plötzlichen Schwangerschaft betroffen war und sofort aufhörte zu arbeiten. Beide Umstände erschwerten sein tägliches Treiben. Er musste jetzt Geld verdienen und sich von seiner Frau Vorträge über Verantwortung anhören. Zu seinem größten Ungemach jedoch hatte seine Mutter der Schwiegertochter einen bescheidenen Platz in ihrem großen, wenn auch unbeständigen Herzen eingeräumt und nahm diesen Umstand zum Anlass, mit ihren beiden Jüngsten, zwei dürren, zappligen Mädchen, bei ihnen einzuziehen. Joe hatte nicht damit gerechnet, dass ihm sein altes Leben hinterherlief .
Das Kind wurde geboren und mit ihm kamen, aus Gründen, die sich Joe nie erschlossen, ein kleiner Hund und eine Ratte in die Familie. Seine Tochter faszinierte ihn nicht übermäßig. Er war entschlossen, sich nicht von ihr überrumpeln zu lassen, er hatte genug Erfahrungen mit seinen Geschwistern gesammelt - ihr Lärm, die Unruhe, die sie verbreiteten, der Egoismus in ihrem Denken und Handeln, all dies reichte für mehr als ein Leben. Ein Kind bedeutete nichts Gutes. Auch Eli war schnell enttäuscht und nahm sich in dieser neuen Situation voller Lange-weile und Überforderung ihre Schwiegermutter zum Vorbild und zur Hilfe. Jedenfalls schleppten die beiden diesen winzigen Hund an. Man konnte ihn putzig finden, wenn man Fledermäuse mochte. Er machte wenig Lärm und war schneller stubenrein als das Baby. Überstrahlt durch seinen herzigen Charme ließ ihn das in kurzer Zeit den Gipfel der Familien-hierarchie erklimmen.
Was aber Joes dunkle Tage zum Leuchten brachte, war die Ratte. Anfangs brachte er ihr respektvoll etwas Angst entgegen, aber nie fühlte er sich unwohl in ihrer Nähe. In einem großen Käfig, der in den ersten Wochen sogar gesäubert wurde, hatte sie sich schnell mit ihrem Schicksal arrangiert. Ohne sich anzubiedern, passte sich die Ratte an: Kamen die weiblichen Familienmitglieder, verschwand sie in ihrem Nest. Joe und sie dagegen beobachteten sich stundenlang und bald hatte er einen Zuhörer, der nicht schneller sprach als er und ihm nicht ins Wort fiel. Irgendwann fraß sie ihm aus der Hand und schließlich siedelte sie in seine Brusttasche über, naschte die Käsehäppchen, die er für sie in sein Netzhemd steckte, und fühlte sich wohl in seinen Ärmeln. Sie war das Wesen, das in aller Unauf-dringlichkeit zu ihm gehörte und ein angenehmes Gleichgewicht gegen die unheimliche weibliche Übermacht in seiner Familie schuf. Dort gab es täglich ein allgemeines Schmusen, Drücken, Schimpfen und Diskutieren. Kurzzeitig konnte es vorkommen, dass sich einzelne Familienmitglieder füreinander interessierten, aber genauso schnell konnte die Situation kippen und man war bis aufs Messer befeindet. Krieg und Frieden wechselten in einem Tempo und aus Gründen, die Joe längst nicht mehr durchschaute.
Eli erwartete, dass Joe etwas Richtiges tat. Etwas Gutes oder etwas Schlechtes, aber endlich mal was Großartiges. Ma erwartete von ihm, dass sich nichts änderte. Beide warteten auf sein Geld. Er vermisste das Rouge auf Elis Wangen und ihre frühere Neugier im Bett. Sie hatten keinen Platz füreinander. Der Traum von Ruhe und Schönheit war in weite Ferne gerückt.

An dem Abend, als Inge starb, wollte Joe seiner Familie eigentlich erklären, dass er fortgehen würde. Lange schon hatte er diesen ketzerischen, ungeheuren Gedanken hin und her bewegt. Er wollte fort. Jede Veränderung war eine Verbesserung.
Aufgeregt, aber entschlossen stand er im Türrahmen und betrachtete die Szenerie, in die er sich nicht einfinden konnte. Das Baby krabbelte inzwischen und hatte sich fröhlich über den Hundenapf hergemacht. Das Hündchen lag träumend auf Elis Schoß. Eli und Ma hatten wie so häufig den Kaufkanal eingeschaltet und Sasha, ihr Lieblingsverkäufer, pries Bohr-maschinen an. Ma versuchte zum wiederholten Male hektisch, in die Sendung zu telefonieren, nicht um zu bestellen, sondern, “einfach um mal mit dem netten Kerlchen zu reden“. Joe starrte in Sashas grosse Augen und wunderte sich über die gleichbleibende Hingabe, mit der dieser Staubsauger, Autozubehör, Schmuck und Betten verkaufte. Hätte das Wort Enthusi-asmus in seinem Wortschatz existiert, Joe hätte es dem jungen Moderator sicher verliehen. Zu gern wäre er auf diese Scholle der Zufriedenheit gesprungen.
Mit einem umständlichen Räuspern eröffnete er seine Rede.
„Ma, ich mache rüber. Frank hat ne Baustelle. Wahnsinnsknete da zu machen.“ Gleichzeitig versuchte er sich am Türrahmen etwas aufzurichten.
Ma drehte sich nicht mal um. Nach einem winzigen Überraschungsmoment schüttelte sie nicht nur den Kopf, sondern den ganzen Körper.
„Ach mein Süßer, red kein Scheiß. Fehlt dir was, irgendwas? Nirgends wird hingegangen. Überall isses so gut wie hier.“
Das war wahrlich ein ausführliches Betrachten aller Umstände. Als Bonbon gab es noch einen von ihren heiligen Sätzen: „Da wird auch nur mit Wasser gekocht.“
Eli schnaufte nur verächtlich. Der so Zurechtgewiesene ließ die Erwiderung tief in sich sinken. Nirgendwo fand sich ein Gegenargument.
Und so zog Joe nicht westwärts, sondern in die östliche Altstadt an diesem Abend. Eine friedliche Frühherbststimmung erfüllte das brave Städtchen, das in den nächsten Stunden eine seiner engagiertesten Jugendbetreuerinnen verlieren sollte.

Inge, von allen Pimper-Inge genannt, war eine Institution in der Stadt. Sie hatte die schlechte Angewohnheit, ihre stets jugendlichen Gäste zunächst betrunken zu machen, um sich an-schließend unter lautem Freudengeheul von ihnen besteigen zu lassen. Kostenloser Alkohol (wenn auch von der unheilvollsten Sorte) und Gratissex (wenn auch von einer welken Blüte), diese Gaben der Mildtätigkeit nahm die Jugend gerne an. So mancher von Joes Freunden war hier zum Manne gereift und hatte mit Inge ein Frauenbild verinnerlicht, welches seine späteren Beziehungsprobleme erklärt hätte.
Aber an diesem Abend suchten die Jungen ein anderes Abenteuer. Längst hatten die meisten von ihnen kleine Freundinnen, ewig frierende, dünne Inka-Mädchen, uniformiert mit ihren Lacktäschchen und ihrer Bräune. Heute ging es um Geld und einen echten Kick. Inge sollte das Opfer ihres eigenen Alkohols werden. Man hoffte auf Bares und bescheidene Wertsachen.
Als Joe zu ihnen stieß, stand der Plan im Wesentlichen. Er ging mit, weil die erregte Aufbruchstimmung ihn dazu einlud und er nichts Besseres vorhatte.
Obwohl die Meute letztlich erfolgreich war, geriet das Vorhaben außer Kontrolle. Das Vermögen der Frau hatten sie überschätzt, deren Kondition in bezug auf den Alkoholkonsum unterschätzt. Aus zimperlichen Streitereien ergab sich ein allgemeines Handgemenge, in dem die alte Frau sowohl von der Technik wie auch von der Intensität führte, als schließlich die Ratte den Kampf entschied. Joe, der anfänglich ein neutraler Beobachter war, hatte gerade begonnen, den alten Fernseher abzubauen, als sich die nicht mehr amüsierte Dame auf ihn stürzte.
Von ihrem Wutgeheul aufgeschreckt, lugte die Ratte aus seinem Mantel. Inge und die Ratte taxierten einander, beeindruckt von der beiderseitig empfundenen Hässlichkeit, und nach der anfänglichen Erstarrung war es die Ratte, die den Überraschungsmoment nutzte und der Frau in die Nase biss. Mit einem Klageschrei fiel das Opfer mit dem Kopf rücklings auf ein kleines Tischchen und riss dabei ein Tablett mit brennenden Teekerzen um. Endlich war Ruhe. Die Frau lag reglos und ein paar klägliche Flämmchen kämpften ums Überleben. Jemand stieß die Liegende mit dem Fuß an und schob dann etwas von dem herumliegenden Müll in die Kerzen. Diese blieben noch immer unentschlossen. Schließlich begannen die jungen Leute wild zu arbeiten, die einen durchsuchten die Wohnung auf Verwertbares, die anderen fütterten die Flammen. So enttäuschend das erstere blieb, so erfolgreich war zweiteres. Als das Feuer entgleiste, hatte Joe endlich seine Ratte gefunden und konnte sie beide knapp in Sicherheit bringen.

Dann durchschlugen die Flammen das Dach und züngelten aus den Fenstern. Über dem Haus lag eine so intensive, bewegliche Schönheit, dass Joe sich wünschte, alle Häuser der Stadt würden in dieser Komposition aus rotem, gelbem und orangefarbenem Licht vergehen, damit nichts von ihrer Erbärmlichkeit übrig bliebe.
Er sonnte sich in der Wärme, die das Feuer ausstrahlte, und war endlich, endlich bis aufs Innerste berührt. Er, der den Dingen nie ins Auge geschaut hatte, betrachtete dieses Schauspiel fasziniert und mit weit aufgerissenen Augen. Satt sehen wollte er sich und satt werden aus diesem Übermaß von Kraft und Macht und ungebändigter Energie.
Seine stumme Begeisterung verriet ihn schnell. Joe musste den Polizisten, seinem fahrigen Anwalt, den aufgeregten Zeitungsleuten und schließlich dieser kleinen, ihn in die Enge treibenden Richterin alles erklären. Die Sache mit Ma, die Sache mit Eli und natürlich die Sache mit der Ratte, die, obwohl sie doch am einfachsten zu erklären war, von allen am wenigsten verstanden wurde.
Der Prozess war zu Mas Empörung völlig unspektakulär. Auf die Schlagzeile ihrer Lieblingszeitung schaffte es ihr Sohn nur einen Tag lang. Herr Bossi war nicht greifbar und Richterin Salesch musste zwei neue Nudelsoßen bewerben. So ganz brutal den Justizbehörden der Provinz ausgeliefert, wurde Joe als der einzig Volljährige zu einer Haftstrafe verurteilt.

Im Gefängnis vermisste er nichts. Dank seines weichen Gangs und seines nachgiebigen Charakters hatte er schnell Verehrer und Beschützer gefunden und war bei Insassen und Personal gleichermaßen beliebt. So konnte er auf mittlerer Führungsebene einen gut florierenden Handel zwischen der Welt draußen und den Gefängnismauern aufbauen. Schnell war die Ratte wieder an seiner Seite. Er konnte sich nicht erinnern, dass es in seinem Leben jemals soviel Planbarkeit gegeben hätte. Er nutzte die Zeit gut. Es gab soviel zu lernen. Wie dumm er doch war. Brandbeschleuniger, Dämmungsverhalten, Reaktionszeit... Er hatte eine Menge Spezialisten um sich herum. Der gleichmäßige Fluss der Tage machte ihn geradezu glücklich. Und doch, nachts, wenn Joe die Augen schloss, die Ratte an sich gedrückt, malte er ihr seine Vision der zukünftigen Freiheit mit heiseren Worten ins Ohr.
„Wir werden alles richtig machen. Man muss nur an verschiedenen Stellen zugleich beginnen. Weißt du noch, wie das Feuer gesungen hat? Diese vielen Formen, dieser Tanz, erinnerst du dich? Wir werden alles richtig machen, ich versprech‘s. Wir beide machen, dass alles großartig wird. Richtig schön. Und wenn diese Stadt fertig ist, ziehen wir weiter. Endlich kommen wir mal rum. Endlich wird alles gut und schön. Du und ich, wir werden alles verändern. Alles. Wir müssen es tun.“
Die mantragleiche Beschwörung kroch durch die Mauern, schwang sich in den Himmel und setzte sich als Albtraum auf die Dächer der Stadt.