VorwortDer Ausgangspunkt des hier vorliegenden Textes war die Vorbereitung von zwei Beiträgen für eine Bibelausstellung. Diese sollten nicht „aufsagend“, sondern eher von der Wirklichkeit her argumentieren, so daß ein Zeitgenosse sie lesen und verstehen kann. Da die Vorarbeiten etwas umfangreicher wurden, schlug die Hauptbibelgesellschaft vor, das Ganze zu drucken. Dieser Entstehungsprozeß schimmert bei dem Text durch. Im ersten Teil ist es der Konfirmanden- und Taufunterricht, wie ich ihn in den vergangenen Jahrzehnten für Jugendliche und Erwachsene als Gemeindepfarrer in der DDR gehalten habe. Im zweiten Teil ist es ein Beitrag zu „Entstehung, Geschichte und Wirkungsgeschichte der Bibel“. Leider ist die Hauptbibelgesellschaft mit ihrer fast zweihundertjährigen Tradition nicht mehr zahlungsfähig. So ist mein Text der Versuch, über das Internet Menschen unserer Zeit zu erreichen. An einigen Stellen half mir die Erinnerung an meinen theologischen Lehrer Professor Lic. Gerhard Koch. Er war für mich und manchen anderen in unserem theologischen Denken prägend und hat mir für meine Arbeit als Pastor viel mitgegeben. Das soll auch diese Arbeit erkennen lassen.[1] Die Arbeit am vorliegenden Text bot auch Anlaß für Gespräche mit heute lebenden Menschen, mit Jüngeren und Älteren, unter ihnen Schüler und Pädagogen, mit Menschen, die in der früheren DDR gelebt hatten, und mit Menschen, die immer in der Bundesrepublik zu Hause gewesen waren. Manche Gesprächspartner bekannten sich als Atheisten, andere als Christen. Danken möchte ich allen, die mir durch diese Gespräche bei Formulierung und Verständlichkeit, aber auch durch Ergänzungen und Korrekturen geholfen haben. Für ihre wesentliche Mithilfe danke ich besonders dem Ehepaar Yvonne und Olaf Meyer sowie unserer Tochter Dr. Veronika Albrecht-Birkner und unserem Sohn Helmut Metz. Ein herzlicher Dank gilt auch Frau Cornelia Klug für ihre bereitwilllige Unterstützung. Ich hoffe, daß die vorliegende Arbeit für Zeitgenossen lesbar und verstehbar ist. Sie soll ein A n g e b o t für Menschen unserer Zeit sein und dabei die Toleranz beachten, die sie selbst fordert. Die drei thematischen Fragen im ersten Teil entsprechen den Themen der drei Artikel des apostolischen Glaubensbekenntnisses.
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(1) Jesus von Nazareth |
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a Gott |
glaubte, vertraute bis in den Tod. Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist |
b Jünger (Kirche) |
Gemeinschaft Schüler Abendmahl Jesus lädt ein |
c Mensch (Welt) |
liebte bis in den Tod „Vater, vergib ihnen.“ Barmherziger Samariter Bergpredigt |
Die Spalte (1) beschreibt das Lebensverständnis Jesu, etwa die Jahre 0-30, bis zur Kreuzigung.
a) Jesus lebt und empfängt seine Kraft aus dem Vertrauen auf den väterlichen Gott,
b) und in der Gemeinschaft mit den Schülern (Jüngern) und anderen Menschen.
c) Die Gestaltung seines Lebens ist eine Gestaltung der Liebe, die in Selbstachtung und Opferbereitschaft jedem Menschen gilt.
(Vergleiche Bergpredigt, barmherziger Samariter, Passion).
(Auch das Leben jedes anderen Menschen läßt sich so in Relationen darstellen...).
Der Blick geht über den Tod Jesu am Karfreitag hinaus. Ostern ist zu bedenken. Dabei ist zu beachten, daß wir nicht in den häufigen Fehler verfallen, vom Vorurteil her zu entscheiden.
Der erste Schritt soll feststellen, was mit Ostern gemeint ist. Die Skizze zum Leben Jesu soll dazu mit der Frage aufgenommen werden: Wie wird Jesus in den bisher bedachten drei Beziehungen in seinem Verhältnis zu (a) Gott, (b) zu den Jüngern und (c) zu den Menschen sonst, Ostern gesehen? Ostern müssen wir von Jesus Christus sprechen.
Die Spalten 2 und 3 bedeuten Ostern. Christus heißt, der zum König gesalbte (d.h. von Gott bevollmächtigte). Jesus ist von Gott aus dem Tode auferweckt, der Gekreuzigte ist von Gott in göttliche Gewalt eingesetzt. Gott gibt Anteil an seinem Vermögen, an seinem Walten, an seiner Gewalt.
1 Jesus von Nazareth wirklicher Mensch lebte etwa von 0-30 |
2 Jesus Christus Ostern auferweckt |
3 Apostel Zeugen Märtyrer |
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a Gott |
glaubte, vertraute bis in den Tod. Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist |
eins |
glauben, vertrauen, gehorchen, bis in den Tod |
b Jünger (Kirche) |
Gemeinschaft Schüler Abendmahl Jesus lädt ein |
Gemeinschaft im Abendmahl bleibt Haupt und Leib |
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c Mensch (Welt) |
liebte bis in den Tod „Vater, vergib ihnen.“ Barmherziger Samariter Bergpredigt |
liebt |
lieben |
In der Spalte 2 heißt es oben: „Jesus Christus, Ostern auferweckt“.
Ist die Auferweckung Jesu durch Gott denkbar? Dabei werfen wir einen Blick auf die Skizze zum Weltall bei der Frage nach Gott unter II, und VII.
Wer die Auferstehung Jesu Christi verstehen möchte, muß erst erkennen, daß er von der Auferweckung Jesu durch den lebendigen Gott spricht. Der zweite Artikel des apostolischen Gaubensbekenntnisses ist nicht ohne den ersten Artikel zu bedenken.
Das Handeln Gottes in der Auferstehung ist d e n k b a r. (Vgl. Überlegungen zum 1. Artikel Vll).
(Wir sind in der Regel erst dann bereit, Zeugnissen zu glauben, wenn ihr Inhalt dem Verstehen und Denken zugänglich wird bzw. sich ihm nicht verschließt oder entgegenstellt).
Das Neue Testament ist nach Ostern, ist von der Osterbotschaft her geschrieben worden. Alle vier Evangelien, Matthäus, Markus ,Lukas und Johannes berichten von Ostern. Der älteste Bericht findet sich bei Markus Kapitel 16 Vers 1-8. Noch ältere Überlieferung lesen wir im 1. Korintherbrief Kapitel 15 in den ersten Versen. Ich mag besonders gern die Berichte bei Johannes, etwa Johannes Kapitel 20 Vers 11-18.
Jesus erscheint Maria Magdalena. Der Auferstandene, von dem sie meint, es sei der Gärtner, sagt nur ein Wort: „Maria“. So kann sie nur Jesus anreden, der ihr vertraut ist, den sie als Menschen kennengelernt hat. Der Selbe begegnet ihr hier. Aber dieser Selbe ist nun nicht als Mensch wieder da. Er ist da als der von Gott Auferweckte. Die Osterberichte sprechen immer wieder davon, daß er „erschienen“ sei. Uns liegt vielleicht nahe, dem sehr skeptisch zu begegnen. Verschließen wir uns nicht gleich. Natürlich leben wir in einer anderen Zeit. Durch keinen Trick könnten wir als Zeitgenossen Teilhaber des damaligen Geschehens werden. Wir haben ja den Menschen Jesus auch nicht als Weggefährten erlebt. Die, die ihn kannten, wurden Zeugen seiner Auferstehung. Die Jünger, die nach Ostern auch Apostel genannt werden, - das heißt Gesandte -,hatten sich zunächst in großer Angst, sie könnten auch gegriffen und hingerichtet werden, versteckt, „verkrochen“ und verbarrikadiert. Nach der Begegnung mit dem Auferstandenen bekennen sie sich öffentlich zu ihm, der als der vom Tode Auferweckte bei ihnen ist. Viele als Apostel in die Welt Gesandte geben für dieses Zeugnis ihr Leben hin. Sie werden zu Märtyrern. Das ist das Meiste, was ein Mensch einsetzen kann. Man kann ihr Zeugnis ablehnen, aber es sollte nicht leichtfertig geschehen. Es entstand der Ausdruck: „Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche.“ In der Apostelgeschichte (Kapitel 7, 54-60) wird die Steinigung des Stephanus berichtet.
Später finden wir in den römischen Katakomben ein Wort an den Wänden: „vivit“, das heißt „er lebt“. Dort findet sich auch das Fischzeichen, das mancher Christ heute am Auto als Aufkleber hat. Das griechische Wort IXTYS, Fisch, wurde zum Geheimzeichen: Iesus Christos Theu Hyos Soter. Es heißt übersetzt: Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter. Weihnachten singen wir: „Christ, der Retter ist da.“ Der Name Jesus ist von dem hebräischen Wort Jeschua hergeleitet. Es bedeutet Retter, Heil, Heiland.
Das Zeugnis von der Auferstehung Jesu ist ganz und gar verbunden mit dem existentiellen Zeugnis der Jünger, der Apostel. Der Apostel ist der Gesandte. Er ist als Zeuge in die Welt gesandt. Wenn die Apostel das Abendmahl feiern, dann feiern sie es in der Gewißheit, der Auferstandene Jesus Christus ist bei ihnen. Der gegenwärtige auferstandene Jesus Christus ist der Grund christlichen Glaubens. Er sendet sie. So kommt das Wort von dem Auferstandenen zu den Menschen. Von den Jüngern heißt es in der Bibel, sie seien der Leib Christi. Das heute etwas ungebräuchliche Wort bedeutet ja, sie sind die Gestalt Christi in der Welt. An ihnen kann man Christus erkennen, ja Gott erkennen, denn indem Gott ihn auferweckte, hat er sich selbst zu erkennen gegeben, offenbart in Jesus Christus.
Damit hat der Herr der Welt sich zugleich zu der Lebensauffassung Jesu bekannt. Gott liebt die Menschen wie Jesus sie liebte. Dieses Leben, das mit der Kreuzigung zunächst als gescheitert verstanden werden konnte, hat Gott herausgehoben. Dieses Leben offenbart den Sinn des Lebens. Es ist ein Leben, das aus Gottvertrauen und Gemeinschaft Kraft zur Hingabe schöpft. Ein Leben, das selbst wenn es in den Tod geht, nicht ins Leere fällt, denn mit der Auferweckung wird deutlich: Gott ist auch im Tode.
Von daher darf bei einer christlichen Beerdigung eine Hoffnung ausgesprochen werden. Wenn Gottes Liebe den Menschen auch im Tode trägt, dann versteht man vielleicht, wenn man von jemandem, der gestorben ist, sagen kann, er oder sie sei „heimgegangen“.
Es kommt darauf an, hinter den Worten der Bibel, den existentiellen Einsatz zu erkennen. Die Nachdrücklichkeit des Zeugnisses kommt von daher.
Wenn die Gemeinde Jesu Christi der Leib, die Gestalt Christi in der Welt ist, so ist die Glaubwürdigkeit der Christen mit ihrem Einsatz für die Mitmenschen, für die Welt, verbunden, so wie Jesus sie gelebt hat.
Glaubwürdiges Leben ist das eigentlich überzeugend Sprechende.
Das Kreuz ist in den Kirchen das sprechende Zeichen geworden. Im Matthäus –Evangelium Kapitel 16 Vers 24 heißt es: „Da sprach Jesus zu seinen Jüngern: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.“ Das ist die Frage nach der Bereitschaft, um der Liebe willen Leiden auf sich zu nehmen, eben sein Kreuz zu tragen. Das kann auch Hingabe des Lebens sein und Blut vergießen bedeuten. Jesus wurde gekreuzigt, weil er die Liebe zu seinen Mitmenschen nicht aufgegeben hat. Solchem Durchhalten unter Opfern um der Liebe willen können wir auch heute begegnen.
Unter den vier Evangelien ist das Johannesevangelium als letztes geschrieben worden, wohl um das Jahr 100. Aus dem langen Bedenken heraus schrieb Johannes in Kapitel 3 Vers 16: „Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Jesus ist der Liebende, der wohl unter allen Menschen Gott am nächsten ist. Johannes nennt ihn den eingeborenen Sohn. Wenn er sterben muß, damit Gottes Liebe den Menschen kund wird, dann muß der liebende Gott ein leidender Gott sein. Er leidet für seine geliebte Welt. Gott hat Mühe mit seiner Welt und sorgt sich um sie. Das ist nicht zu fassen, ohne es mitleidend zu bedenken.
Das Handeln Gottes in der Auferstehung ist b e z e u g t mit dem Tode der Märtyrer und durch die Apostel, dargestellt in den Evangelien und Episteln. Durch die Gemeinde kommt der Auferstandene in der Welt zur Sprache. Sie ist Leib, Gestalt Christi durch die Zeiten, in der Zeit, im Geschehen (Geschichte).
(Noch in der Karikatur und enger Äußerung kommt die Sache zur Sprache, evtl. provozierend und ärgernd, anstoßend und abstoßend) [8]
Ich habe immer wieder als Pastor Menschen getroffen, die mir erzählt haben, daß sie in ihrem Leben Gott, Jesus Christus, dem Auferstandenen begegnet sind. Daß er da ist und heute wirkt, wurde ihre Glaubenserfahrung. Das war oft mit Geschichten aus schwerer Zeit verbunden. Sie berichteten etwa von der Flucht, von Krankheit und dem Verlust eines ihnen nahen Menschen. In diesem Erzählen lag manchmal ein Erinnern, daß Gott den gangbaren Weg gewiesen habe – manchmal auch den Weg in neue Aufgaben. Er hatte Kraft verliehen in unerträglich scheinendem Verlust. Er hatte Angst genommen und innerlich befreit, die Gewißheit gegeben, daß er auch im Tode da sei.
„Auf Gott vertrauen ist auch ein Sich-fallen-lassen und dabei erfahren, daß er uns auffängt und trägt,“ so sagte es mir ein erfahrener Lehrer, der in der DDR-Zeit naturwissenschaftliche Fächer unterrichtete.
Glaube und Lebenserfahrung gehörten zusammen, entsprachen sich.
Das Handeln Gottes in der Auferstehung entspricht der eigenen Glaubenserfahrung, dem Erfahren von Lebenssinn.
Ostern wird deutlich:
1. Gottes Liebe zu den Menschen. Der bis in den Tod (auch Henker, Verbrecher) liebte, ist von Gott in göttliche Gewalt eingesetzt worden. Gott gibt sich als Vater zu erkennen.
2. Die Lebensauffassung Jesu ist als Sinn des Lebens für alle Menschen, vom Herrn des Lebens, von Gott, bestätigt worden. Gott beantwortet die Sinnfrage.
3. Gott i s t im Tode. Tod ist Welt, Wirklichkeit.
Im Juni 1964 – in sozialistischer Zeit - kam von der Firma Schilling aus Apolda eine Bronzeglocke in Usedom an, gegossen aus einer gesprungenen Glocke, die aus Anklam stammte. Usedom hatte früher vier Glocken. Bis auf eine aus dem Jahre 1639 – sie war in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges gegossen worden - mußten alle im Weltkriege abgeliefert werden. In den fünfziger Jahren hatte die Gemeinde zwei Stahlglocken angeschafft, nun kam die vierte Glocke wieder dazu. Im Gemeindekirchenrat mußte vor dem Guß über eine Inschrift der Glocke beraten werden. „Jesus Christus , Herr der Welt“ sollte sie lauten. Dabei war aufgenommen, daß dem auferstandenen Christus von Gott mit Himmelfahrt göttliche Macht verliehen wurde. Jesus wurde damit der Kyrios, der Herr. Letztlich war er nicht mehr „überholbar“. Er war Herr auch im Tode. Oft ist er als Pantokrator, als Allherrscher dargestellt worden. Der Gedanke an Himmel erscheint in neuerer Zeit so nicht mehr überzeugend. Himmel läßt leicht bis hinter den Mond denken. Aber dieses Herrsein bedeutet ein nicht aufrechenbares Wirken in der Geschichte, in der auch die Menschen Gutes und Furchtbares wirken. Manchmal erscheint im Fortgang des Weges, daß da bei allem, was der verantwortliche Mensch dem Menschen antut, bei allem, was er sich und vielen Unschuldigen bereitet, auch eine bewahrende Hand am Werke ist. 1989 konnten wir es spüren.
Himmelfahrt ist nicht eine Entfernung Jesu von der Welt.
Himmelfahrt bedeutet, daß Jesus von Gott als Herr, als Christus eingesetzt ist, in seiner Welt, in der Geschichte, bei seiner Gemeinde zu sein.
An den Herren Jesus Christus glauben heißt, an den gegenwärtigen Christus glauben, den uns Gott als Weggefährten gegeben hat.
(Ablehnung von „Überwelt“ als Äußerung idealistischer Vorstellung.
Wir wissen nur von einer Schöpfung der Welt in einer Vielfalt der Wirklichkeit, die wir nicht durchschauen und beherrschen, sondern wir erfahren etwas davon. – Das ist kein Materialismus. Es ist ein Ansatz bei der Existenz und Welt heute und ein Fragen nach dem Weg.
Woher - das spricht zu uns
Wohin - die Zukunft ist noch nicht geschehen (Geschichte)
Auf Zukunft hin ist das Heute zu leben).
Die folgende Grafik zu Himmelfahrt deutet auf einer Geschichtslinie die Lebenszeit Jesu an, etwa die Jahre 0-30. Im apostolischen Glaubensbekenntnis heißt es: „Aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“ Bei diesen Worten legt sich nahe, „nach oben“ zu denken, fort von der Welt, von der Geschichte. Die beiden roten Striche sollen dieser Vorstellung, die in der geistesgeschichtlichen Skizze (Teil II) erläutert wird, entgegenwirken. Himmelfahrt bedeutet: Er ist bei seiner Welt, er ist bei seiner Gemeinde. Die grüne Linie soll dies andeuten.
Das Schema, das uns helfen sollte, die Beziehungen im Leben Jesu besser zu erkennen (Spalte 1), und auch Ostern verdeutlichen sollte (Spalten 2 und 3), ist von den Aposteln in Verbindung mit dem Auferstandenen durch die Zeiten bis in die Gegenwart weiterzudenken (Spalte 4). Die untergelegte Geschichtslinie soll das mit der Unterbrechung durch die Punktierung andeuten.
1 Jesus von Nazareth wirklicher Mensch lebte etwa von 0-30 |
2 Jesus Christus Ostern Auferweckt |
3 Apostel Zeugen Märtyrer |
4 Wir Gemeinde heute |
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a Gott |
glaubte, vertraute bis in den Tod. Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist |
Eins |
glauben, vertrauen, gehorchen, bis in den Tod |
glauben vertrauen gehorchen seinem Rat |
b Jünger (Kirche) |
Gemeinschaft Schüler Abendmahl Jesus lädt ein |
Gemeinschaft im Abendmahl Bleibt Haupt und Leib |
Gemeinschaft mit Christus im Abendmahl bleibt |
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c Mensch (Welt) |
liebte bis in den Tod „Vater, vergib ihnen.“ Barmherziger Samariter Bergpredigt |
Liebt |
lieben
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lieben |
(4 a) In der Nachfolge des Auferstandenen ist der Christ heute eingeladen, auf Gott zu vertrauen, an ihn zu glauben. Das bedeutet für sein Leben eine Befreiung. Es ist, als gingest du mit einem vertrauten Freund, einem Gefährten, der nicht nur das Leben kennt, sondern der auch das Tal des Todes durchschritten hat. Er wird dich nicht verlassen, aus seiner Hand fällst du nicht. Sein erstes Wort ist immer wieder: „Fürchte dich nicht.“ Das ist eine Quelle befreiender, wirklich spürbarer Kraft.
(4 b) Er sagt: „Folge mir nach.“ Seine Lebensauffassung wird der Rat für mein Leben. Wie er den Sinn des Lebens verstanden hat, so kann auch ich versuchen zu leben.
Ich halte Ausschau nach anderen, die in diesem Glauben ihr Zuhause gefunden haben. Das Miteinander, diese Gemeinschaft bekommt für mich Gewicht. Hier bin ich als Mensch nicht allein. Hier feiere ich den Gottesdienst, das Abendmahl. Hier suche ich Rat und hier ist gegenseitige Hilfe.
(4 c) Natürlich lädt der Christ heute zu seinem Glauben ein, nicht um zu vereinnahmen, sondern um in einer Zeit der Ratlosigkeit in Hinblick auf die Sinnfrage auch dem Mitmenschen die Lebensauffassung Jesu als tragfähige Möglichkeit zu zeigen.
Jesus mutet dem, der ihm vertraut und die Gemeinschaft in der Gemeinde gefunden hat, zu, sich für die Welt heute zu öffnen, im Sinne Jesu im Besonderen für den Menschen in Not und für die Probleme unserer Zeit. Aber es ist auch sehr angenehm und ermutigend, wenn im Alltag und in unserem täglichen Miteinander ein freundlicher Geist zu spüren ist, der die Aufgeschlossenheit füreinander nicht verbirgt.
In Verbindung mit der Gemeinde Jesu Christi wird immer auch vom Heiligen Geist gesprochen. Ich habe ihn bisher nicht erwähnt. Ich möchte den Verdacht vermeiden, daß nun etwas erfunden wird, etwas, daß zur Wirklichkeit keinen Bezug hat, nicht aufweisbar ist. Der Heilige Geist ist immer auch eine Kraft genannt worden. Mir ist sie besonders an den Jüngern deutlich geworden, die sich nach der Kreuzigung in größter Angst, sie könnten auch verfolgt werden, verborgen hielten und die nach der Begegnung mit dem Auferstandenen mit großer Freude entschieden für das Evangelium, für die gute Nachricht (eigentlich Siegesbotschaft) in der Welt eingetreten sind. Diese Kraft sich selbst unter Bedrohung des eigenen Lebens so zu stellen, hatten sie nicht einfach aus sich selbst. Sie bezeugen, daß ihnen diese Kraft – des Heiligen Geistes – gegeben, geschenkt worden ist, daß sie Gnade ist.
Für Menschen heute zeigen sich hier vielfach Barrieren. Wenn Menschen etwas tun, ist das nicht ein Geschehen aus ihrer eigenen Entscheidung und Verantwortung, so wie ich das beim 5. Gebot dargestellt habe? Ja, das bleibt gültig, aber das andere auch: Der Mensch ist ein Beziehungswesen. Uns beeinflußt auch der Geist der Zeit, der Geist einer Gemeinschaft, einer Mannschaft, der Familie. Vor manchem Weg scheuen wir uns, getrauen uns nicht, wenn wir allein gehen müssen. „Wenn du mitkommst, dann ist es etwas ganz anderes, dann kann ich gehen.“ In der Beziehung schwingt auch ein Geist, der natürlich auch entmutigend sein könnte. Wenn wir für uns wagen, ernst nehmen, daß Gott wirklich da ist, wenn wir mit seiner Wirklichkeit rechnen und darauf vertrauen, glauben, er ist der lebendige Gott, wie es die Bibel ausdrückt, dann mag verständlich werden, daß der verantwortliche Mensch durch diesen Geist gestärkt wird. Durch das Liebesgebot kann er sich in seinen Entscheidungen beraten und eben beeinflussen lassen; für die Kraft, die darin liegt, kann er Gott danken. Er dankt für den Heiligen Geist. Im Psalm 139,5 heißt es: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ Wenn er an-wesend ist, dann läßt das sein Wirken ahnen. Es lohnt sich, auch die vorhergehenden Verse zu lesen. Da wird Beziehung spürbar, ein Geist erfahren, der auf das Leben Einfluß hat, ja eine entscheidende Hilfe sein kann. Das Wort Heiliger Geist wird verständlich.
Für uns als dem Leibe des gegenwärtigen Christus heute gilt:
(a) Zur Freiheit gekommen im Vertrauen auf Gott, den Vater,
(b) Gestärkt in der Jüngergemeinschaft mit Christus (Abendmahl),
(c) Menschen heute zu dieser Lebensauffassung zu führen,
(Taufe, Konfirmation, Predigt, Unterricht, Gespräch, Beispiel),
und die Liebe zur Welt als Gottes Welt nach den Konsequenzen der Bergpredigt und des Beispiels Jesu zu gestalten in den Problemen und Sinnbezügen unserer Zeit.
(Das geht über Missionsabsicht und Sorge um den eigenen Bestand hinaus. Erkenntnis Gottes und Kraft des Glaubens sind nicht einfach unsere Leistung, sondern zugleich Gottes Wirken durch den Heiligen Geist).
Natürlich passiert es leicht, daß man den Menschen verfehlt und ihn bei aller Mühe doch nicht versteht. Besonders häufig geschieht das bei allem guten Willen zwischen den Generationen. Vielleicht durch die schnellen Veränderungen noch leichter als zu früheren Zeiten.
Mein Lehrer Gerhard Koch kam in den fünfziger Jahren während des Semesters zu den Vorlesungen immer mit der Bahn von Berlin nach Greifswald. Er leitete damals die Evangelische Akademie in Westberlin, später auch das Predigerseminar dort. Er wußte, wie leicht man als Theologe den Blick für die Basis verlieren kann. Er wußte, der Mensch ist nicht zu allen Zeiten einfach der Gleiche. Er wollte die Menschen seiner Zeit verstehen. Einige Beispiele sind mir in Erinnerung:
„Das ist mir doch nicht so wichtig, ob unsere Vorfahren die Eisberge des Nordpols angeknabbert haben, oder ob sie durch die Urwälder Indiens gehangelt sind. Ich möchte wissen, wer der Mensch heute ist.“
So versuchte er, uns Studenten aufmerksam zu machen, nach dem Menschen heute zu fragen.
Er ging mit seinen Seminaristen zu später Stunde durch Westberlin. Irgendwo kam ein später Zecher nach Hause. Mit lauten Worten und Beschimpfungen wurde er dort empfangen. Die ganze Umgebung konnte daran Anteil nehmen.
Uns Studenten erzählte er es mit der kleinen Bemerkung: „Sehen Sie, der Mensch wird eben doch nicht aus der Verantwortung entlassen.“
„Überlassen Sie nicht die Wissenschaft einfach den Wissenschaftlern. Achten sie darauf, was sie heute tun. Wir sitzen heute alle in einem Boot. Da gibt es welche, die gehen mit dem Preßluftbohrer an die Bordwand. Sie wollen nur sehen, was dahinter ist. Wasser, das wissen wir doch. Ehe sie zum Zuge kommen und uns alle umbringen, müssen wir sie hindern.“
Zu seiner Zeit war die Genforschung mit ihren möglichen Konsequenzen noch nicht auf der Tagesordnung. Natürlich wollte sich Gerhard Koch nicht gegen sinnvolle Forschung wenden.
Gerhard Koch sprach zu uns vor fünfzig Jahren. Was würde er wohl heute sagen, wenn er sähe, wie sehr mächtige Menschen mit der Mentalität des Asozialen an der Bordwand des Schiffes bohren, in dem wir alle sitzen? Ich denke an die rücksichtslose Nutzung der Ressourcen. Wenn ein Erdölfeld abgeerntet ist, dann gehen wir auf das nächste. Wenn ein Haus abgebrannt ist, dann beziehen wir ein anderes. Es gibt ja noch ein paar Häuser. (siehe Anhang zu Teil I).
Als Theologen mahnte uns Gerhard Koch: Treiben Sie ordentlich Theologie und bleiben Sie auch als Pastoren Theologen. Steigen Sie nicht eines Tages einfach violett aus der Kiepe. Es ist nicht gut, nur noch die Karikatur eines Theologen zu sein. Es endete mit den Worten: „Man kann doch nicht eine Karikatur karikieren.“
Eines Tages erzählte er von einer Fahrt in der S-Bahn. Er beobachtete gegenüber Jugendliche, junge Männer, die sich Bilder von pin-up girls, von wenig bekleideten jungen Mädchen, ansahen. Einer sagte dann: „Guck mal, hat die aber schöne Augen!“ Mit etwas erhobener Stimme berichtete Gerhard Koch und brachte zum Ausdruck, daß er große Hoffnung auf die junge Generation setzte, das war etwa 1955. Er hatte einen Sinn für alles Personale, alles, was von Angesicht zu Angesicht spricht.
Sehr nüchtern konnte er zum Ausdruck bringen, daß es doch auf unserm Weg nicht nur einfach schicksalhaft zuginge, sondern auch einiges an uns selber liegt: „Wie man mit Vierzehn aussieht, dafür kann man nicht, aber wie man mit Vierzig aussieht, dafür kann man.“
Jede Woche kam Gerhard Koch aus Westberlin in die DDR nach Greifswald. Auf seine Weise äußerte er seine Beobachtungen zum Unterschied zwischen den Ost- und Westverhältnissen: Rasiert wird der Mensch zwar im Osten wie im Westen. Aber im Osten wird der Mensch ohne Seife rasiert, im Westen mit Seife.
Die Höhe des Stipendiums hing von den Ergebnissen der alljährlichen Zwischenprüfungen ab. Es wird erzählt, daß Professor Koch einen Studenten vor der Prüfung fragte: „Welche Note brauchen Sie?“ Dann begann er die Prüfung. Das wurde im Rektorat bekannt, und Professor Koch sollte sich verantworten. „Was wollen Sie? Ich lebe schon im Kommunismus, da gilt doch: Jeder nach seinen Bedürfnissen. Sie leben noch im Sozialismus, da gilt: Jeder nach seiner Leistung.“ War seine Verteidigung.
Von diesem Lehrer her lag mir der Kontakt zu den Menschen, ein Bemühen um Verstehen, Mitdenken und Mitgehen immer nahe. Man kann doch nicht einfach seine Lehre, die man gelernt hat, aufsagen. Der Mensch muß doch in seiner Welt erreicht werden, nicht unter Druck gesetzt, aber eingeladen ohne Aufdringlichkeit und mit der Bereitschaft, ihm zu helfen. Vielleicht braucht er gar keine Worte, sondern vielleicht Brot , ein Hemd oder einen freundlichen Blick.[9]
So kommt es dann auch heute dazu, daß Menschen Zugang zum christlichen Glauben suchen und sich eines Tages selbst und ihre Kinder taufen lassen möchten. Ich habe gern Mut dazu gemacht. Man geht mit der Taufe nicht in einen Lebensperfektionismus. Die Taufe ist ein Anfang. Die Bibel gebraucht oft das Bild der Ehe. Da muß das Vertrauen erst mehr und mehr wachsen, man muß Erfahrungen miteinander machen, da gibt es auch Mißverständnisse und Versäumnisse. Da gibt es den Alltag, dem man vielleicht ein Licht aufsetzen sollte. Unsere Kinder nehmen wir mit. Sie gehören zur Familie. Sie gehören mit an den Tisch. Da wird über Vieles gesprochen. Sie wachsen in den Geist dieser Gemeinschaft hinein. In der Regel ist das zu wünschen.
In der Taufe liegt etwas, das wir von jeder guten Mutter und jedem guten Vater kennen: Du kannst immer nach Hause kommen. Du kannst auch dann kommen, wenn du einmal weit von zu Hause weggelaufen bist und kein gutes Gewissen hast.
Natürlich ist von Gott zu sagen, daß ihm doch seine Welt und alle Menschen wichtig sind, daß er sie liebt. Aber wir kommen, um uns und unsere Kinder taufen zu lassen. Darin liegt eine bejahende Antwort auf seine Liebe. Wir können uns darauf verlassen, daß er uns auf unserem Wege niemals fallen lassen wird. Das ist das Heil, das ist das Zuhause, ist die Geborgenheit. Von Martin Luther wird erzählt, daß er sich in dunklen Stunden seines Lebens immer wieder erinnert hat: Ich bin getauft. Darin hat er wieder Halt und Gewißheit gefunden.
In vielen Gemeinden ist der Sonntag nach Ostern, Quasimodogeniti, Taufsonntag. Übersetzt heißt Quasimodogeniti: Wie neu geboren. Man kann verstehen: Ein Mensch, der so in die Geborgenheit eines Zuhause kommt, ist wie neu geboren.
Die Taufe ist ein Anfang (initium). In der Taufe begeben wir uns als Erwachsene oder mit dem Kind (das noch nichts versteht) in die Gemeinschaft mit dem väterlichen Gott. Wir vertrauen darauf, daß er seine Gemeinschaft auf dem Wege gewährt entgegen allem, was von uns aus hindert an Untreue gegen sein Gebot, an Unverständnis, Oberflächlichkeit und Mißtrauen (vergl. Israel).
Gott ist seiner Welt, dem Menschen, zugewandt auch ohne die Taufe, aber in der Taufe geben wir darauf eine bestimmte positive Antwort:
Wir bejahen seine Nähe und Güte, und wir wollen unsere Kinder in ein Gott bejahendes und gehorchendes Vertrauen hineinführen (Christenlehre, Religionsunterricht, Konfirmandenunterricht, Gottesdienst).
Zum christlichen Glauben gehört, daß man mit hinein genommen wird, gehört auch Gemeinde, aber damit verbunden auch ein Unterricht, der zum Verständnis hilft.
Das Abendmahl muß erklärt werden, um es zu verstehen: Wir versammeln uns am Tisch des auferstandenen Jesus Christus. Er reicht uns die versöhnende Hand. Wir kommen nicht als Glaubenshelden an seinen Tisch, wir bekennen unseren Kleinglauben und unsere Lieblosigkeit. Wer ehrlich zu ihm kommt, dem schenkt er seine Gemeinschaft. Er wird unser Freund, dem wir uns ganz anvertrauen können. Sicher haben wir „im Hinterkopf“ auch das Wissen um Gottes Majestät und Größe. Aber ihm liegt daran, daß die innere Ferne zu ihm überwunden wird. Das Gebet, das er lehrte, redet Gott als Vater an, als unser Vater. Im Neuen Testament wird an einigen Stellen dies noch überschritten, was in uns wie eine Generationen-Distanz mitschwingt, wenn er seine Jünger seine Freunde nennt. In dem wunderbaren Bild im Johannes-Evangelium Kapitel 15 vom Weinstock und den Reben spricht er in Hinblick auf seine Jünger von seinen Freunden, für die er sein Leben läßt und die er in die Welt sendet. Natürlich ist daran gedacht, daß die, die sich an seinem Tisch versammeln, dort als Freunde begegnen, die tun wollen, was er ihnen gebietet, die danach fragen, was ist heute für uns in seinem Auftrag wichtig. Er richtet sich auf Menschen, die uns sehr nahe sind, und ebenso auf Menschen die wir vielleicht gar nicht persönlich kennen, und auf die zu bewahrende Erde, auf der wir wohnen, die er uns anvertraut hat.
Kelchfenster der Kirche in Stolpe auf Usedom
Der Getaufte ist in die Nachfolge Jesu gestellt, dazu bestimmt, ordiniert, das ist sein Amt, es ist eine Ehre, aber es bedeutet viel mehr als das, was wir heute unter Ehrenamt verstehen, es bedeutet gleichberechtigte Mitarbeiterschaft [10]. Wer so in der Gemeinde lebt, hat das Recht, Pate zu sein. Das Patenrecht ist nicht die Sache „perfekter“ Christen. Jeder Tag läßt uns alle neu am Anfang stehen. Manchmal haben die unmündigen Kinder die reifere Antwort, die aufgeschlossenere Haltung, auf die es gerade ankommt.
Eingeschlossen in die Mitverantwortung ist die finanzielle Unterstützung und damit verbunden die Verpflichtung zur Kirchensteuer. Sie wird durch die Finanzämter eingezogen. Das entlastet das Verwaltungsbüro der Kirche und ermöglicht eine gerechtere Veranlagung. Immer wieder taucht der Vorschlag auf, man möge doch einfach jedem Mitglied überlassen, wieviel Geld es geben möchte und dann auch tatsächlich ohne mahnenden Verwaltungsaufwand gibt. Vieles kann unsere Kirche in der Gesellschaft nur durch die Einnahme der Kirchensteuer tun. Eigentlich erfüllt sie viele Aufgaben, die Verpflichtung aller Bürger sind. Mit der Kirchensteuer wird ja nicht einfach nur Kirche erhalten. Ich dachte schon in der DDR-Zeit daran, daß jeder Bürger zu den übergreifenden Aufgaben herangezogen werden sollte. Der Staat sollte von jedem Bürger eine Kultursteuer erheben. Der Bürger sollte bestimmen, wer seinen Steuerbetrag bekommen soll, etwa als Kirchensteuer seine Kirche. Wenn er keiner Kirche angehört, sollte er sagen, an welchem Ort, in welcher Weise, in welcher Not der Zeit, sein Steuerbetrag – evtl. auch gesplittet – eingesetzt werden soll. Natürlich sollte Kultursteuer zuerst eingesetzt werden, um sinnvolles Lebensverständnis zu vermitteln, aber es gibt in der Sinnfrage soviel Ratlosigkeit, daß der in dieser wichtigen Frage Ratlose dann an den Pannen der Gesellschaft mit tragen sollte. Da sind Umweltprobleme, die alle betreffen. Da ist der Hunger, und es gibt grassierend Aids. Welche Probleme besonders als Aufgaben gestellt werden müßten, mag dann bedacht und entschieden werden.
Die Kinder kommen in den Unterricht. ( Er ist wesentliches Geschehen).
Als Unterrichtete erhalten sie das Recht, am Abendmahl teilzunehmen. Es muß erklärt werden, um es zu verstehen.
Zugleich wird mit der Unterrichtung und mit dem Heranwachsen stärkere Mitverantwortung übertragen. Patenrecht und später Beitragspflicht (Kirchensteuer) sind ein Teil der Mitverantwortung.
(Die Kinder leben vor und nach der Konfirmation und dem Abendmahl als Glieder beteiligt
am Vertrauen, Glauben der Gemeinde, am Versagen und an der Gleichgültigkeit, am Zweifel und Verzagen der Gemeinde, am Missionieren und Verkündigen, am Verkennen, Verstehen und Gelingen).
Zur Wahrheit gehört der Weg. Wir sind auf dem Wege. Wir sind Wanderer. Mancher muß mit einer Behinderung vorankommen, andere fühlen sich in der Hektik der Zeit eher im Dauerlauf. Der Gottesdienst ist immer ein Innehalten auf dem Wege, ein Biwakieren. Das Zelt wird am Ziel des Tages aufgebaut. Manche dieser Stationen haben eine besondere Bedeutung. An einigen wird gefeiert. Ich denke an die Festtage im Jahr, auch solche, die viele mitfeiern wie Weihnachten und Ostern. In der christlichen Gemeinde hat jeder Sonntag eine besondere Sinnbestimmung, es ist ein Wandern von Woche zu Woche, von Sonntag zu Sonntag mit der Möglichkeit der Stärkung im Gottesdienst mit dem Abendmahl.
Die Taufe, die Trauung, auch die Beerdigung sind Stationen. Sie haben eine besondere Beziehung zum Lebensweg. Wir bedachten die Taufe.
Bei der Eheschließung ist die Trauung ein Gottesdienst. Wenn ich mit dem Brautpaar die Feier in der Kirche besprach, dann suchten wir nach einem Bibelwort für den gemeinsamen Weg. Oft wählten die beiden aus dem Hohenlied der Liebe im 1. Korintherbrief Kapitel 13 Vers 13: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Gott geht den Weg mit, ihr könnt auf ihn vertrauen, ihr dürft hoffen. Daß er immer für uns aufgeschlossen ist, kann uns ermutigen, auch füreinander aufgeschlossen zu bleiben. Oft wünschte sich das Brautpaar ein Bibelwort aus dem Buch Rut im Alten Testament – eigentlich ein Wort von der Schwiegertochter zur Schwiegermutter – „Wo du hin gehst, da will ich auch hin gehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. ...“ Rut Kapitel 1 die Verse 16-17. Auch der 2. Vers aus dem 6. Kapitel des Galaterbriefes war oft Trauspruch: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“
Am Ende unseres Weges bei unserer Beerdigung versammelt sich die Trauergemeinde zu einem Gottesdienst: Wir befehlen die Entschlafene oder den Entschlafenen Gott, der auch im Tode ist, er bleibt derselbe liebende Gott. Wir erinnern an Stationen, die auf dem Lebensweg des Verstorbenen besondere Bedeutung hatten. Wir danken für sein Leben und vielleicht für Gemeinsamkeit. Wir bitten um Kraft, die Trauer zu tragen, und für die nächsten Schritte, daß wir einander nicht allein lassen.
Der Gottesdienst wird nicht nur durch das bestimmt, was der Jahresablauf immer wieder nahelegt, sondern auch durch die Ereignisse, die uns persönlicher betreffen. Wir haben noch das Jahr 1989 in Erinnerung. Der Weg der ganzen Gesellschaft hier geriet in eine Situation, die ganz viele Menschen in die Kirche führte. Dort wurde mit der Sorge, die alle bedrückte, gebetet, Gottesdienst gehalten. In dem Geist des Strebens nach friedlicher Veränderung gingen sie mit Kerzen auf die Straße. Wir wissen, was diese Gewaltlosigkeit bewirkt hat. Unser Volk konnte erfahren, daß Gott in der Geschichte bewahrend handelt. Dabei wird erkennbar: Der Wert der Kirche muß ein Wert für die Menschen sein. Kirche ist soviel wert, wie sie für die Welt Wert ist.
Gottesdienst bedeutet Stärkung, Gemeinschaft und Wegweisung. Das zielt auch auf die Predigt im Gottesdienst. Sie soll Vorlauf schaffen. Der Weg geht weiter. Heute auf Zukunft hin etwas zu sagen, erscheint oft schwierig. Manchmal muß man zunächst fragen: Wie ist die Stimmung im „Lager“? Mutlosigkeit? Versucht man, über den eigenen Lebensbereich hinaus zu schauen? Sucht man nur das eigene persönliche Heil oder die eigene Gruppierung? Auf jeden Fall genügt es nicht, den christlichen Glauben vergewissernd „aufzusagen“ und vielleicht kulturvoll religiöse Stimmung zu schaffen. Jesus Christus sendet seine Gemeinde in die Welt heute. Der Prediger sollte schon ein Stück Wegansage versuchen, ehe wir uns aus dem Biwak der Gottesdienstversammlung wieder auf den Weg machen. Es liegt durchaus nahe, sie mit der Gemeinde zu erarbeiten. Das nächste Wegstück zu bedenken, ist notwendig. Der Vorlauf, der dabei gewonnen wird, steht am nächsten Sonntag wieder zur Diskussion, er ist auch vorläufig, ist für den Weg nicht endgültig, aber doch unerläßlich. Er gehört zum Wesentlichen des Gottesdienstes.
Ein Pastor, der wie ich heute, im Ruhestand ist, kann so nicht mehr den Weg ansagen. Man kann noch beitragen. Man weiß, es wird darauf ankommen, deutlich und tolerant zu sagen, wofür christlicher Glaube heute steht. Es wird darauf ankommen, ohne Aufdringlichkeit auf Menschen zuzugehen, sie zu besuchen, zu verstehen und mitzugehen.
Vielleicht kann ein Ruheständler erzählen, wo während seiner Dienstzeit Erfahrungen entstanden sind, die zu deutlicheren Aussagen in der Zeit geholfen haben. Es sind nicht nur eigene Erfahrungen, sondern Erlebnisse im Miteinander.
In der DDR-Zeit gab es die Bausoldaten. In Garz auf Usedom war eine Einheit stationiert. Bausoldaten konnten den Wehrdienst mit der Waffe ablehnen. Er blieb dennoch nicht ohne Gewissenskonflikte. Für meinen Kollegen Otto Simon und seine Frau Inge, die auch Pastorin ist, bedeutete die Begleitung und der Rat für die Bausoldaten fast etwas wie mit ihnen leben. Wenn die Soldaten frei hatten, war das Pfarrhaus auch ihr Haus. Im ständigen Kontakt wuchs der konkrete Rat, auch der für die Predigt.
Jeder fand das offene Pfarrhaus, auch die Jugendlichen, mit denen wir am Wochenende in ein Haus der Diakonie fuhren und Themen der Jugendlichen offen besprechen konnten. Vieles taten wir als Nachbargemeinden gemeinsam. Kinder- und Jugendarbeit hatte besonderes Gewicht.
In Benz, bei meinem Kollegen Martin Bartels, lag die Kinderarbeit ganz in seiner Hand. Er hatte dafür eine besondere zusätzliche Ausbildung. Von besonderer Bedeutung war seine Sommerarbeit mit Abendmusiken und Vorträgen in der Benzer Kirche. Viele Künstler kamen nach Benz und trugen mit ihrer Kunst zu den Abenden bei - ohne Honorar. Im Grunde war die künstlerische Arbeit oft in der Begegnung Begleitung der Menschen, man konnte Seelsorge und oft auch Freundschaft sagen. Für viele – darunter auch Atheisten - wurde Martin Bartels der Bruder Martin. Oft war die Kirche im Sommer bis auf den letzten noch hereingetragenen Stuhl besetzt.
Die Mitarbeit in der Gemeinde war fast ausschließlich ehrenamtlich. Die Beauftragung, die Ordination dazu war die Taufe [9]. Da waren die Mitarbeitersonntage, Treffen junger Ehepaare. Die Aufgaben waren vielfältig. Mancher verstand etwas vom Bau, andere konnten mit Kindern umgehen, da war der Bücherverkauf, das „Kirche-sauber-machen“, die Pflege der Anlagen, die Veranlagung zur Kirchensteuer, die Schreibarbeit, das Kassieren, der Besuch, die Vorbereitung eines Gebetes für den Gottesdienst.
Viele bereiteten den Weltgebetstag vor, und viele kamen dazu.
Mütter, Väter und die hauptamtlichen Mitarbeiter waren beim Kindernachmittag beteiligt. Gemeinsam wurde er vorbereitet.
Längere Zeit hatten wir benachbarten Pastoren gemeinsame Predigtvorbereitungen, auch der katholische Pfarrer war dabei.
Diese breit einladende Arbeit hatte ihre Auswirkung. In diesen Gemeinden unserer Nachbarschaft, wir sagten im BUMZ (Benz, Usedom, Morgenitz , Zirchow), kam es – besonders von der Kinder- und Jugendarbeit her - nicht zu dem großen Abbruch der Gemeindegliederzahlen. Es blieben zur Wende bei uns 50% der Bevölkerung. In Benz und Zirchow waren es bei einem starken Anteil der jungen Generation von dieser Gemeindearbeit her 70 % und noch mehr.
Ich bin nicht sicher, ob das für unsere Zeit anregen kann, wenn ich etwas zur Erhaltung unserer Kirchen in der DDR-Zeit sage: Das war Sache der Gemeinde und wirkte doch darüber hinaus. Mit Material halfen uns unsere Partnergemeinden und Freunde in der Bundesrepublik. Die Arbeit wurde legal als Feierabendarbeit von ausgebildeten Handwerkern und motivierten Helfern ausgeführt. Es gab einige Kirchenhandwerker für die Dacharbeit. Einmal half uns der Kreisbetrieb für Landtechnik in Stolpe, das war ein staatseigener Dienstleistungsbetrieb für die sozialistischen Genossenschaftsbetriebe. Er stellte zwei qualifizierte Mitarbeiter für mehrere Wochen für die Reparatur des Kirchturms in Stolpe zur Verfügung. Die Betriebe halfen uns, die LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft), und die KAP (Kooperative Abteilung Pflanzenproduktion, ein spezialisierter Ackerbaugroßbetrieb), die ZBO (Zwischengenossenschaftliche Bauorganisation) und einige private Handwerker. Oft bekamen wir keine Rechnung. Auch die LPG Typ I spendete auf Anregung eines Gemeindegliedes, das der LPG angehörte, 500,- Mark für den Kirchturm in Usedom. Gemeindeglieder und Bevölkerung spendeten für diesen Kirchturm in den Jahren 1983 und 1984 je 20000,- Mark. „Pastor, zum Kirchturm gucken doch nicht nur die Christen...“ Der das sagte, konnte durchaus auch Mitglied der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) sein. Manchmal waren dann die Gottesdienste vom Baugeschehen beeinflußt.
Aus der gemeinsamen Arbeit erwuchs in den siebziger Jahren die bruderschaftliche Leitung des Kirchenkreises.
Die Nähe zum Menschen und die Kenntnis der Situation ist zu jeder Zeit neu zu gewinnen. Aber von daher erwächst die Möglichkeit, Gültiges zu sagen, etwa auch im Gottesdienst.

Auferstehungsfenster Marienkirche Usedom
Ostern 1997 hielt ich nach 36 Jahren in Usedom dort meinen letzten Gottesdienst als Usedomer Pastor. Ich hatte Geburtstag. Meine Mutter hatte mir gesagt, daß ich am Karfreitag geboren wäre. Bei Sonnenaufgang ging ich in die Kirche und läutete die vier Glocken. So war es in Usedom am Ostermorgen Tradition. Von einer Kirchenbank sah ich, wie die aufgehende Sonne das Auferstehungsfenster im Altarraum zum Leuchten brachte, der auferstandene Christus trägt einen roten Siegesmantel. Es ist farbig gebranntes Glas vom Ende des 19. Jahrhunderts. Als ich zum Altar ging, zeichnete sich vor diesem Fenster dunkel das große steinerne Kreuz ab mit der Figur des Gekreuzigten, das auf dem Altar steht. In der Predigt konnte ich sagen, daß wohl jeder Mensch aus einer unerschlossenen Situation, aus dem Dunkel des Fragens nach Sinn und Weg kommt. Ich verglich sie mit Karfreitag. Der Predigttext für Ostern war Johannes 20,11-18, der Auferstandene erscheint Maria Magdalena. Als er - den sie als Toten sucht - ihr am Ostermorgen begegnet, meint sie, es wäre der Gärtner. Er spricht sie mit ihrem Namen an: „Maria“. Sie erkennt ihn. „Rabbi“ (Meister) ist die vertraute Antwort. Ihr geht die Sonne auf. Aus der Verzweiflung heraus öffnet sich ihr das Leben. Ich sagte, daß der Auferstandene jeden von uns als Freund vertraut mit seinem Vornamen ansprechen möchte. Für jeden, der zu ihm kommt ist er ganz aufgeschlossen. „Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende“ (Matthäus 28,20). Mein Konfirmationsspruch, als ein gutes Wort für uns alle stand als Ermutigung für die Zukunft am Ende der Osterpredigt.
Manche Gespräche im Zusammenhang mit diesem Manuskript ließen erkennen, worauf es wohl heute ankommt. Zu dem besonders Eindrücklichen gehörten die Treffen mit Schülern meiner Schule in Genthin. In einem Artikel der „Genthiner Volksstimme“ vom 27.11.2002 fand eine Schülerin eigene Worte, die wiedergaben, was ich zu sagen versucht hatte: „Metz betonte immer wieder, dass man sich Gott nicht als Bestimmer, sondern als Partner vorstellen sollte. So etwas wie ein guter Freund, der in jeder Situation zu dir hält und bei Entscheidungen hilft.“ In diesen Worten sah ich mich verstanden, sie waren für die jungen Menschen bedenkenswert.
Gemeindegottesdienste, Abendmahl, Taufe, Konfirmation, Trauung, Beerdigung, Andachten und dergleichen, auch eine gute Tat als Gottesdienst, sind G o t t e s d i e n s t e auf dem W e g e, in den verschiedenen Stationen des Jahres- und des Lebensweges, des Weges der Gesellschaft und Welt von Ereignis zu Ereignis.
Jeder dieser Gottesdienste soll im Glauben vergewissern, bestärken in der Gemeinschaft, nach Wegweisung suchen, die Welt zu besorgen.
(So hat Gottesdienst Situationscharakter, seine Aussage muß in doppeltem Sinn v o r l ä u f i g sein. Sie soll Wegweisung sein, so konkret wie möglich und darf oder muß als Rat überholbar sein. Mit überholter Aussage (mit zerrissenen Hosen) und in neuer Situation stellt sich die Gemeinde im nächsten Gottesdienst dem Gott, der treu und verläßlich geblieben ist. Das „Ja Vater“ des Gottesdienstes als Lob und Ehre Gottes und Ja zum gehorsamen Tun läßt sie die Stunde annehmen und den Weg wieder angehen).
Wir hören im Gottesdienst aus der Bibel die alten Lesungen aus der frohen Botschaft (Evangelium) und aus den Briefen (Epistel). Sie sind oft schwer verständlich. Der Predigttext wird ja mit der Predigt erläutert. Ich habe gern ermutigt, die Tatsache solcher Unverständlichkeit nicht so schwer zu nehmen. Wir hören ein Zeugnis aus alter Zeit. Es ist ein Erinnern an den Weg der Gemeinde durch die Zeiten, darin liegt ein Sinn. Wir stehen als Glied in einer langen Kette. Wenn sich uns im Lesen die vergangene Zeit auch nicht gleich erschließt, so ist es doch gut, hinein zu lauschen in die alten Worte, die an frühere Wegstationen erinnern, auch wenn wir heute nicht gleich alles Damalige verstehen können. Oft kann sich alte Zeit nicht mehr ganz für uns erschließen. Verstehen wir ganz unsere Väter und Mütter und die Generation davor? Schon da haben wir Schwierigkeiten.
Wenn sich die Gemeinde zu Gebet und Abendmahl versammelt, dann begibt sie sich in die unmittelbare Nähe zu Gott. Dann treten wir ein. Dann nehmen wir Platz. Dann kann uns das Vertrauen aufschließen, wie wir es zu unserer besten Freundin oder unserem besten Freund haben. Die Worte des Gebetes, die wir finden, mögen dann immer noch gute, formulierte Worte sein. Aber auch das, was uns bewegt, kann dann Worte finden, die nicht vorgegeben sind. Beter haben oft bezeugt, daß ihnen Kraft und Rat im Gebet geschenkt worden sind. Da muß noch einmal vom Heiligen Geist als einer starken Kraft gesprochen werden. Wesentliches haben wir nicht einfach aus uns selbst.
Wir hören im Gottesdienst die alten Stücke (Evangelium, Epistel), um uns des Weges zu vergewissern, um vergangene Zeit und den Weg der Gemeinde möglichst gut zu kennen und daraus zu lernen.
Die Predigt soll uns für unser Wegstück helfen.
Im Gebet und Abendmahl stellen wir uns bewußt in die Gemeinschaft mit Gott, um aus dem Vertrauen auf ihn den bedachten Tag zu gestalten und ihn als Weggefährten zu bitten.
Die Kirchen haben angesichts konkreter Not immer wieder Aktivitäten entwickelt. Diakonie (Dienst, durch den Staub, also ganz unten) und Caritas (tätige Fürsorge, Liebe) sind dabei wohl die bekanntesten. Oft hat die Ökumene als weltweiter Zusammenschluß der Kirchen Hilfsprogramme durchgeführt. Bei diesen Werken der Kirche kommt es darauf an, immer wieder neu zu erkennen, wo heute der Einsatz erforderlich ist. Die kirchlichen Werke sollen nicht als „ewige Werke“ um ihrer selbst willen erhalten werden. Manche haben schon eine lange Tradition. Sie müssen auf die Probleme der Zeit eingehen.
Einige Beispiele seien genannt:
| Werke der Kirchen | und | Probleme der Zeit |
Brot für die Welt, Misereor,Adveniat, Renovabis, Hoffnung für Osteuropa |
Hunger, Rüstung, Bildung,medizinische Versorgung. | |
| Antirassismusprogramm | Rassismus. | |
| Diakonie, Caritas | Pflegebedürftige, Behinderte, Abhängige, Angewiesene, |
|
| Gustav-Adolf Werk | evangelische Minderheiten | |
| Aktion Sühnezeichen | politisches u. konfessionelles Mißtrauen, Versöhnung. |
|
| Friedensdienste | Versöhnung, Verständigung, Abrüstung. |
Zumeist sind die Probleme der Zeit zugleich Nöte der Welt. Die Kirchen müssen sich ihrer in Solidarität und gegenseitiger Unterstützung annehmen. Dabei müssen sie auch die Arbeitsteilung mit anderen suchen, die sich aufgeschlossen den Ereignissen unserer Zeit zuwenden. Sie wollen auch auf die Nöte hinweisen, manchmal auch alarmieren.
Das Kirchenjahr beginnt mit der Adventszeit und endet mit dem Ewigkeitssonntag, der auch Totensonntag genannt wird.
Zu den Zeiten des Kirchenjahres gehört nach der Tradition eine bestimmte liturgische (gottesdienstliche) Farbe. Sie soll in den Überschriften angedeutet werden. Auch Symbole gehören zu den Stationen des Kirchenjahres.
Advent (Ankunft)
Gott, von Menschen oft in einen fernen Himmel gedacht, ist nicht fern. Er kommt zu uns, er ist bei uns. Er geht auf unseren Wegen mit. Er will, daß wir seine Liebe zu uns erkennen.
Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin
Sacharja 9.9
Symbol der Adventszeit ist der Adventsstern als Zeichen der Ankunft, aber auch das Tor. Jesus zieht in Jerusalem ein.
Weihnachten (Liturgische Farbe weiß)
Gott ist mitten unter uns. Als Mensch wird Jesus geboren im Stall zu Bethlehem. Unscheinbar und arm – und doch wird der Schein von der Krippe, der von Ostern kommt, die Welt erleuchten und seine Armut die Menschen reich machen.
Von der Auferstehungsbotschaft her ist ursprünglich Ostern gefeiert worden, von daher später auch das Fest der Geburt Jesu.
Der Engel verkündet den Hirten:
Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.
Lukas 2, 10 – 12
Symbol für Weihnachten ist die Krippe. Jesus ist im Stall geboren
Epiphanias (Erscheinung) (Liturgische Farbe weiß, die Sonntage danach grün)
Gott ist für alle da – für Arme und Reiche, für Kleine und Große, für Nahe und Ferne, für Fromme und für Zweifler. Nach den Hirten kommen auch die Weisen aus dem Morgenland – als Vertreter aller, die nicht zum „erwählten Volk Gottes“ gehören – zur Krippe. Der Prophet Jesaja sagte:
Gott spricht:
Ich, der Herr, habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte dich bei der Hand und behüte dich und mache dich zum Bund für das Volk, zum Licht der Heiden, daß du die Augen der Blinden öffnen sollst und die Gefangenen aus dem Gefängnis führen und, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker.
Jesaja 42, 6 und 7
Jesus selbst, der sich immer wieder den Fremden, den Ausgestoßenen, den am Rand stehenden zuwendet, verheißt:
Christus spricht:
Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.
Lukas 13, 29
Symbol für Epiphanias ist der Stern, der Stern der Erscheinung.
Passion (Leiden) (Die liturgische Farbe des Karfreitag ist schwarz)
Jesus ist Mitmensch. Aber viele wollen ihn nicht, stoßen ihn hinaus, bringen ihn um, kreuzigen ihn. Er läßt es geschehen, setzt seine Macht nicht ein, duldet, leidet, stirbt – weil er die Liebe zu seinen Mitmenschen bis in den Tod nicht aufgeben will.
Denn der Menschensohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.
Markus 10, 45
Symbole für Gründonnerstag sind Brot und Wein für das Abendmahl Jesu.
Symbole für Karfreitag sind Kreuz und Dornenkrone.
Ostern (Liturgische Farbe weiß)
Gott – die Quelle des Leben – ist auch im Tode. Jesus wird von Gott aus dem Tode auferweckt. Der Tod ist nicht der Schlußpunkt am Ende des Lebens, sondern der Doppelpunkt, hinter dem Wichtiges folgt. Denn Jesu Auferstehung offenbart den Sinn des Lebens und die Liebe Gottes.
Jesus spricht:
Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, selbst wenn er stirbt.
Johannes 11, 25
Symbol für Ostern ist das offene Grab mit der aufgehenden Sonne.
Himmelfahrt (Liturgische Farbe weiß)
Der Auferstandene begegnet seinen Jüngern für einige Zeit. Er geht nicht in einen fernen Himmel, sondern bleibt als Herr bei seiner Welt und in seiner Gemeinde. Er sendet sie in seine Welt. Himmel weist auf Gottes Nähe in seiner Welt.
Der Auferstandene Jesus hat seinen Jüngern verheißen:
Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum geht hin und macht zu Jüngern alle Völker: Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe.
Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.
Matthäus 28, 18 – 20.
Pfingsten (Der fünfzigste - eigentlich Tag - nach Ostern)
Die Freunde Jesu wissen: Jesus ist bei uns und Jesus ist für alle gekommen! Er stärkt sie durch seinen Geist, das setzt sie in Bewegung; das löst ihnen die Zunge; das setzt sie instand, die Fremden und Fremdartigen als Kinder Gottes und Freund Jesu zu erkennen. Als seine Gemeinde, als sein Leib, gehen sie in die Welt. Das ermöglicht es, sich in der Nachfolge Jesu Christi den Problemen der Zeit zu stellen in einer weltweiten Gemeinschaft der Kirche.
Lukas erzählt:
Als der Pfingsttag gekommen war, waren die Jünger alle an einem Ort beieinander. Da geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.
Apostelgeschichte des Lukas Kapitel 2, 1 – 11
Symbol für Pfingsten ist die Taube als Zeichen für den Heiligen Geist.
Trinitatis (Dreieinigkeit) (Liturgische Farbe ist weiß, die Sonntage danach grün)
Gemeint ist die Dreieinigkeit: Gott, Jesus Christus, Heiliger Geist. Gott ist der Schöpfer. Er hat sich in Jesus, den er aus dem Tode auferweckt und dem er als Jesus Christus an seinem Walten Anteil gegeben hat, als liebender Gott offenbart. Durch seinen Geist bewegt Gott Menschen, auf ihn zu vertrauen. Durch seinen Geist will er die Kraft verleihen, die Welt zu bejahen und für die Mitmenschen liebend aufgeschlossen zu sein.
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!
2. Korinther 13, 13.
Symbol ist das Dreieck für die Dreieinigkeit von Gott Vater, dem Sohn Jesus Christus und dem Heiligen Geist.
Erntedank
Von Gott empfängt der Mensch seine Ehre. (Die Würde des Menschen ist unantastbar). Gottes Gnade gibt uns das Leben. Gottes Freundlichkeit erhält es uns. Gottes Liebe will uns frei machen, seine Geschenke miteinander zu teilen. Denn alles Wichtige, was wir zum Leben brauchen, ist Geschenk, ist Gnade. Das Schönste, was wir in diesem Leben tun können, ist das Teilen der empfangenen Geschenke. Wir leben ein geschenktes Leben in einer von Gott geschenkten Welt.
Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.
1. Mose 8,22
Symbol kann ein Früchtekorb sein oder eine Getreidegarbe.
Bußtag und Bettag
Im Leben der Menschen gibt es Scheitern, Versagen, Schuld. Sie bewirken oft Trennung; Trennung von den anderen und von Gott. Manchmal scheint die Trennung unüberwindlich. Wir trennen uns oft von Gottes Willen in Gedanken, Worten und in unserem Verhalten. Die Schuld ist zu groß.
Doch Gott will Vergebung möglich machen. Er lädt zu einem Neuanfang, zum Neuanfang mit Gott und zum Neuanfang mit den anderen.
Jesus hat eingeladen:
Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
Matthäus 11, 28 – 30.
Ewigkeitssonntag / Totensonntag
Ostern wird es deutlich: Gott ist auch im Tode. Er fragt nach unserer Antwort auf sein liebendes Mitgehen in unserem Leben. Wir gedenken der Verstorbenen, früher sagte man noch häufiger der „Heimgegangenen“.
Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber.
Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn.
Darum: Wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.
Römer 14, 7. – 8.
Als Symbol entsprechen das Kreuz und der Kranz, aber auch die Stadt der Hoffnung mit 132 Toren: „Das himmlische Jerusalem“.
Max Frisch schrieb vor etwa 50 Jahren (1957/58) sein Drama „Biedermann und die Brandstifter“[44]. Unter den Augen der Opfer und in ihrem Hause wird der Brand vorbereitet. Mit Spaß wird er entzündet. Marion Skepenat schrieb 2004 in einem Literaturwettbewerb ihre Losergeschichte. Es mutet an, als schauten wir zu, wie das Haus, in dem wir bisher gewohnt haben, zu Asche verbrennt. Mancher schaut mit Spaß über das Feuerwerk der Funken zu. Natürlich ist das Haus nicht mehr bewohnbar. – Aber da sind doch noch ein paar Häuser, ein paar Erdölfelder, noch Ressourcen, die wir verbrauchen können. Das darf so nicht wie selbstverständlich weitergehen.
Die Losergeschichte, von der Autorin Marion Skepenat zur Verfügung gestellt:
LOSERLAND
Joes Mama war sicher eine Last für die öffentlichen Kassen, aber harmlos im Vergleich zu den anderen sieben Plagen, die den armen Küstenstreifen in den letzten Jahren heimgesucht hatten. Da waren als erstes die Goldgräber, mit ihren Versicherungen und Vermögens-analysen. Dann kamen die Scientologen, die den sensibelsten Bereich der Region, den Ar-beitsmarkt dominierten. Später fielen türkische Teppichhändler, Hersteller gewölbter Kunststofffenster sowie Produzenten von industriegrünen Dächern und dämlichen Vorabend-serien über das Ländchen her. Auch der friedvollste Ackerbürger besaß eine Rechts-schutzversicherung, armselige Altersrücklagen steckten in überzeichneten Aktien und um die verfallenen Innenstädte zog sich ein Speckgürtel hochverschuldeter Eigenheime. Und schließlich brachten die neuen Landesfürsten die Menschen zum Stöhnen. Sie zeichneten sich durch einen verworrenen Idealismus aus, den sie mit fehlender Sachkompetenz mischten, um dies als Landespolitik im Spinnennetz ihrer korrupten Abhängigkeiten einzusetzen. Potenzielle Investoren hatten bald ihre empfindlichen Fühler eingezogen, alter Erfahrungen gedenkend, dass die roten Korsaren noch nie zwischen Mein und Dein unterscheiden konnten. So leuchteten nachts über gespenstisch leeren Gewerbegebieten Flutlichter, da, wo am Tage auf einem perfekt ausgebauten Straßennetz illegale Autorennen stattfanden. Sonnen- und Nagelstudios waren die florierende Schwerindustrie des Landes.
Wer Verstand hatte, ging. Wer Geld verdienen wollte, ging. Wer jung war, ging. Das Land war ermattet, die Zeit war ohne Bedeutung, denn Zukunft würde sich hier nicht einstellen.
Sogar die Hundebabys waren hässlich, in jenem Viertel, in dem Jonny aufwuchs. Dunkel, windschief, nach Männerurin und Katzenexkrementen stinkend die Gassen. Krummbeinig, ringelschwänzig, heimtückisch die Welpen. Beziehungen, wenn sie entstanden, entstanden aus Zufällen und Missverständnissen und blieben als schwaches soziales Netz ohne Liebe und Verantwortung bestehen.
Jonnys Mama war eine gebildete Frau. Sie verbrachte den größten Teil des Tages in Rauchschwaden gehüllt vor dem Fernseher und war unschlagbar in ihrem Wissen, was Liebe, Leiden, Polizeiarbeit, Medizin, Justiz, Wetter, Politik, kurz alle Facetten des Lebens, betraf. So manövrierte sie die ihr Anvertrauten mit exakten Kommandos sicher durch die Mühsal des Lebens. Ma erhob sich nur, wenn „etwas dran war“. Dann versammelte sie in entschlossener Aktivität ihre Heerscharen um sich und verkündigte feierlich: „Das Fahrrad für Ronny is dran.“ Oder: „Die Legosteine für Andy sind dran“. Oder oder oder. Viele Dinge waren dran. Wer immer sich ihr oder den ihrigen in den Weg stellte, dem drohte sie mit den mächtigen zwei - dem Bossi-Anwalt und der Bild-Zeitung. Mit diesen Waffen, der geballten Kraft ihrer ungebändigten Nachkommen und der dumpfen Ahnung ihrer redlichen Seele um die bürger-lichen Rechte, war Ma die erfolgreichste Heimsuchung der örtlichen Sozialämter.
Sie war zäh in ihrem Kampf gegen Behörden jeder Art. Eines ihrer Prinzipien war es, dem Leben alles abzuringen, was es sich abringen ließ. Ihr zweites Prinzip, und diese beiden hielt sie für absolut ausreichend, lautete, dass ein Vorname nur dann schön war, wenn er auf y endete. Und so hieß Joe eigentlich Jonny, wie seine Geschwister Ronny, Conny, Andy, Mandy, Cindy, Kimy hießen. Die Mitgift, die Ma ihnen anvertraute, waren einige wichtige Sätze, mit denen man durchs Leben kam, weil sie von universeller Art und damit in ihrer Großartigkeit immer anwendbar waren. Am häufigsten predigte sie: “Lasst euch nich auf eure bürgerlichen Rechte pissen, von niemanden nich!“
Jonny wuchs also in liebevollem Nichtumsorgtsein auf und mit der dringlichen Auffor-derung, auf die sechs Kleineren achtzugeben (was sein Leben in der Tat durchzog) und sich nicht auf seine bürgerlichen Rechte pissen zu lassen (was eher diffus blieb). Er war ein bemerkenswert hübscher Knabe. Mit seinen dunklen, gleichmäßigen Zügen, durch die eine sanfte Schönheit schimmerte, glich er seinem Vater aufs Haar. Der taugte nicht zum Leben und zum Bleiben, aber er streute zauberhafte Geschöpfe in die hässlichen Tage. Mit Mas zunehmendem Alter und ihrer wachsenden Kinderschar wurden die Männer grobschlächtiger und bedrohlicher, aber „man muss nehmen, was man kriegt“ war einer ihrer passenden Über-lebenssätze. Jonnys war für sein Geschwister verantwortlich, sein Leben bestand aus tempo-reichen Sackgassen, die schließlich in einer einzigen großen Flucht endeten. Als Miet-nomaden hinterließen sie manchen zerstörten Wohnraum, sie reisten durch Sozialwohnungen und Frauenhäuser. Sie schlugen sich mit Fürsorgern und Polizei herum. Ma und ihre Brut mit den schönen Namen rannten ihrem unschönen Leben davon: ihren Mietschulden, den prügeln-den Männern, den Anforderungen und den Regeln. Irgendwann war Jonny der Kindheit endlich entkommen, er war großgewachsen, noch immer strahlend und fand seinen Namen eindeutig zu klein. Er häutete sich und wurde Joe.
Nie hätte Joe beschreiben können, was er vom Leben erwartete, aber zwei große Ziele wohnten in seinem Herzen: die Sehnsucht nach Ruhe und die Hoffnung auf Schönheit. Er hielt es für wichtig, dass die Dinge nacheinander abliefen und bedacht werden konnten.
Inzwischen hatte er auch eine Möglichkeit gefunden, das Elend um sich herum auszu-blenden: er schloss einfach die Augen zu schmalen Schlitzen und reduzierte damit die Dinge, die auf ihn zutraten, auf das Unvermeidliche. Ein weicher Schleier legte sich über die Welt, Wesentliches blieb ausgespart und so mogelte er sich am Rande seines Lebens entlang, den Kleingeist im Kopf und den Kleinmut im Herzen tragend. Eli, ein Mädchen von unbe-deutender Hässlichkeit, verliebte sich sofort in sein arrogantes Gesicht. Sie hielt ihn für cool. Er glaubte, sie wäre hübsch. Eine weitere unheilvolle Beziehung war geboren.
Joe ging den verschiedensten Geschäften nach. Er war ein guter Ladendieb, langsam, aber sehr sorgfältig. Bei kleineren Hehlereien war er unentbehrlich, bei jeglicher Schwarzarbeit sehr zuverlässig. Er konnte ein wenig dealen und kannte diesen und jenen. Nichts Groß-artiges. Nichts Gewalttätiges. Als er nun bei Eli strandete, einem Mädchen, das einer geregelten Tätigkeit nachging, die eine winzige Wohnung voller Kunststoffblumen und mit einem Festnetzanschluss hatte, sprang ihn ein warmes Glück an. Was wusste er von ihren Träumen, in denen sie von glutäugigen Piraten entführt wurde.
Beide wollten schnell besiegeln, was ihnen wie ein unverdientes, zu großes Geschenk schien. Bei ihrer Hochzeit sah Joe gerührt, dass Eli Rouge aufgelegt hatte. Ein pinkfarbener Balken zog sich horizontal über jede Wange und in den Fältchen um ihre Augen hatten sich Puderreste abgesetzt. Der junge Mann war voller Hoffnung. Alles würde gut werden. Ohne Zweifel, auf seiner Reise zur Schönheit hatte er eine Gefährtin gefunden.
Der Flittertag fand des Glanzes wegen auf dem heimischen Rummel statt und wie ein Gleichnis für die Tage, die auf sie zukamen, langweilte sich Eli, während Joe unter erheb-lichen Magen-Darm-Problemen litt, die er der unglücklichen Kombination von Alkohol und himmlischen Überschlägen verdankte.
Bald musste der junge Ehemann mit schmerzlicher Überraschung feststellen, dass seine Frau von einer plötzlichen Schwangerschaft betroffen war und sofort aufhörte zu arbeiten. Beide Umstände erschwerten sein tägliches Treiben. Er musste jetzt Geld verdienen und sich von seiner Frau Vorträge über Verantwortung anhören. Zu seinem größten Ungemach jedoch hatte seine Mutter der Schwiegertochter einen bescheidenen Platz in ihrem großen, wenn auch unbeständigen Herzen eingeräumt und nahm diesen Umstand zum Anlass, mit ihren beiden Jüngsten, zwei dürren, zappligen Mädchen, bei ihnen einzuziehen. Joe hatte nicht damit gerechnet, dass ihm sein altes Leben hinterherlief .
Das Kind wurde geboren und mit ihm kamen, aus Gründen, die sich Joe nie erschlossen, ein kleiner Hund und eine Ratte in die Familie. Seine Tochter faszinierte ihn nicht übermäßig. Er war entschlossen, sich nicht von ihr überrumpeln zu lassen, er hatte genug Erfahrungen mit seinen Geschwistern gesammelt - ihr Lärm, die Unruhe, die sie verbreiteten, der Egoismus in ihrem Denken und Handeln, all dies reichte für mehr als ein Leben. Ein Kind bedeutete nichts Gutes. Auch Eli war schnell enttäuscht und nahm sich in dieser neuen Situation voller Lange-weile und Überforderung ihre Schwiegermutter zum Vorbild und zur Hilfe. Jedenfalls schleppten die beiden diesen winzigen Hund an. Man konnte ihn putzig finden, wenn man Fledermäuse mochte. Er machte wenig Lärm und war schneller stubenrein als das Baby. Überstrahlt durch seinen herzigen Charme ließ ihn das in kurzer Zeit den Gipfel der Familien-hierarchie erklimmen.
Was aber Joes dunkle Tage zum Leuchten brachte, war die Ratte. Anfangs brachte er ihr respektvoll etwas Angst entgegen, aber nie fühlte er sich unwohl in ihrer Nähe. In einem großen Käfig, der in den ersten Wochen sogar gesäubert wurde, hatte sie sich schnell mit ihrem Schicksal arrangiert. Ohne sich anzubiedern, passte sich die Ratte an: Kamen die weiblichen Familienmitglieder, verschwand sie in ihrem Nest. Joe und sie dagegen beobachteten sich stundenlang und bald hatte er einen Zuhörer, der nicht schneller sprach als er und ihm nicht ins Wort fiel. Irgendwann fraß sie ihm aus der Hand und schließlich siedelte sie in seine Brusttasche über, naschte die Käsehäppchen, die er für sie in sein Netzhemd steckte, und fühlte sich wohl in seinen Ärmeln. Sie war das Wesen, das in aller Unauf-dringlichkeit zu ihm gehörte und ein angenehmes Gleichgewicht gegen die unheimliche weibliche Übermacht in seiner Familie schuf. Dort gab es täglich ein allgemeines Schmusen, Drücken, Schimpfen und Diskutieren. Kurzzeitig konnte es vorkommen, dass sich einzelne Familienmitglieder füreinander interessierten, aber genauso schnell konnte die Situation kippen und man war bis aufs Messer befeindet. Krieg und Frieden wechselten in einem Tempo und aus Gründen, die Joe längst nicht mehr durchschaute.
Eli erwartete, dass Joe etwas Richtiges tat. Etwas Gutes oder etwas Schlechtes, aber endlich mal was Großartiges. Ma erwartete von ihm, dass sich nichts änderte. Beide warteten auf sein Geld. Er vermisste das Rouge auf Elis Wangen und ihre frühere Neugier im Bett. Sie hatten keinen Platz füreinander. Der Traum von Ruhe und Schönheit war in weite Ferne gerückt.
An dem Abend, als Inge starb, wollte Joe seiner Familie eigentlich erklären, dass er fortgehen würde. Lange schon hatte er diesen ketzerischen, ungeheuren Gedanken hin und her bewegt. Er wollte fort. Jede Veränderung war eine Verbesserung.
Aufgeregt, aber entschlossen stand er im Türrahmen und betrachtete die Szenerie, in die er sich nicht einfinden konnte. Das Baby krabbelte inzwischen und hatte sich fröhlich über den Hundenapf hergemacht. Das Hündchen lag träumend auf Elis Schoß. Eli und Ma hatten wie so häufig den Kaufkanal eingeschaltet und Sasha, ihr Lieblingsverkäufer, pries Bohr-maschinen an. Ma versuchte zum wiederholten Male hektisch, in die Sendung zu telefonieren, nicht um zu bestellen, sondern, “einfach um mal mit dem netten Kerlchen zu reden“. Joe starrte in Sashas grosse Augen und wunderte sich über die gleichbleibende Hingabe, mit der dieser Staubsauger, Autozubehör, Schmuck und Betten verkaufte. Hätte das Wort Enthusi-asmus in seinem Wortschatz existiert, Joe hätte es dem jungen Moderator sicher verliehen. Zu gern wäre er auf diese Scholle der Zufriedenheit gesprungen.
Mit einem umständlichen Räuspern eröffnete er seine Rede.
„Ma, ich mache rüber. Frank hat ne Baustelle. Wahnsinnsknete da zu machen.“ Gleichzeitig versuchte er sich am Türrahmen etwas aufzurichten.
Ma drehte sich nicht mal um. Nach einem winzigen Überraschungsmoment schüttelte sie nicht nur den Kopf, sondern den ganzen Körper.
„Ach mein Süßer, red kein Scheiß. Fehlt dir was, irgendwas? Nirgends wird hingegangen. Überall isses so gut wie hier.“
Das war wahrlich ein ausführliches Betrachten aller Umstände. Als Bonbon gab es noch einen von ihren heiligen Sätzen: „Da wird auch nur mit Wasser gekocht.“
Eli schnaufte nur verächtlich. Der so Zurechtgewiesene ließ die Erwiderung tief in sich sinken. Nirgendwo fand sich ein Gegenargument.
Und so zog Joe nicht westwärts, sondern in die östliche Altstadt an diesem Abend. Eine friedliche Frühherbststimmung erfüllte das brave Städtchen, das in den nächsten Stunden eine seiner engagiertesten Jugendbetreuerinnen verlieren sollte.
Inge, von allen Pimper-Inge genannt, war eine Institution in der Stadt. Sie hatte die schlechte Angewohnheit, ihre stets jugendlichen Gäste zunächst betrunken zu machen, um sich an-schließend unter lautem Freudengeheul von ihnen besteigen zu lassen. Kostenloser Alkohol (wenn auch von der unheilvollsten Sorte) und Gratissex (wenn auch von einer welken Blüte), diese Gaben der Mildtätigkeit nahm die Jugend gerne an. So mancher von Joes Freunden war hier zum Manne gereift und hatte mit Inge ein Frauenbild verinnerlicht, welches seine späteren Beziehungsprobleme erklärt hätte.
Aber an diesem Abend suchten die Jungen ein anderes Abenteuer. Längst hatten die meisten von ihnen kleine Freundinnen, ewig frierende, dünne Inka-Mädchen, uniformiert mit ihren Lacktäschchen und ihrer Bräune. Heute ging es um Geld und einen echten Kick. Inge sollte das Opfer ihres eigenen Alkohols werden. Man hoffte auf Bares und bescheidene Wertsachen.
Als Joe zu ihnen stieß, stand der Plan im Wesentlichen. Er ging mit, weil die erregte Aufbruchstimmung ihn dazu einlud und er nichts Besseres vorhatte.
Obwohl die Meute letztlich erfolgreich war, geriet das Vorhaben außer Kontrolle. Das Vermögen der Frau hatten sie überschätzt, deren Kondition in bezug auf den Alkoholkonsum unterschätzt. Aus zimperlichen Streitereien ergab sich ein allgemeines Handgemenge, in dem die alte Frau sowohl von der Technik wie auch von der Intensität führte, als schließlich die Ratte den Kampf entschied. Joe, der anfänglich ein neutraler Beobachter war, hatte gerade begonnen, den alten Fernseher abzubauen, als sich die nicht mehr amüsierte Dame auf ihn stürzte.
Von ihrem Wutgeheul aufgeschreckt, lugte die Ratte aus seinem Mantel. Inge und die Ratte taxierten einander, beeindruckt von der beiderseitig empfundenen Hässlichkeit, und nach der anfänglichen Erstarrung war es die Ratte, die den Überraschungsmoment nutzte und der Frau in die Nase biss. Mit einem Klageschrei fiel das Opfer mit dem Kopf rücklings auf ein kleines Tischchen und riss dabei ein Tablett mit brennenden Teekerzen um. Endlich war Ruhe. Die Frau lag reglos und ein paar klägliche Flämmchen kämpften ums Überleben. Jemand stieß die Liegende mit dem Fuß an und schob dann etwas von dem herumliegenden Müll in die Kerzen. Diese blieben noch immer unentschlossen. Schließlich begannen die jungen Leute wild zu arbeiten, die einen durchsuchten die Wohnung auf Verwertbares, die anderen fütterten die Flammen. So enttäuschend das erstere blieb, so erfolgreich war zweiteres. Als das Feuer entgleiste, hatte Joe endlich seine Ratte gefunden und konnte sie beide knapp in Sicherheit bringen.
Dann durchschlugen die Flammen das Dach und züngelten aus den Fenstern. Über dem Haus lag eine so intensive, bewegliche Schönheit, dass Joe sich wünschte, alle Häuser der Stadt würden in dieser Komposition aus rotem, gelbem und orangefarbenem Licht vergehen, damit nichts von ihrer Erbärmlichkeit übrig bliebe.
Er sonnte sich in der Wärme, die das Feuer ausstrahlte, und war endlich, endlich bis aufs Innerste berührt. Er, der den Dingen nie ins Auge geschaut hatte, betrachtete dieses Schauspiel fasziniert und mit weit aufgerissenen Augen. Satt sehen wollte er sich und satt werden aus diesem Übermaß von Kraft und Macht und ungebändigter Energie.
Seine stumme Begeisterung verriet ihn schnell. Joe musste den Polizisten, seinem fahrigen Anwalt, den aufgeregten Zeitungsleuten und schließlich dieser kleinen, ihn in die Enge treibenden Richterin alles erklären. Die Sache mit Ma, die Sache mit Eli und natürlich die Sache mit der Ratte, die, obwohl sie doch am einfachsten zu erklären war, von allen am wenigsten verstanden wurde.
Der Prozess war zu Mas Empörung völlig unspektakulär. Auf die Schlagzeile ihrer Lieblingszeitung schaffte es ihr Sohn nur einen Tag lang. Herr Bossi war nicht greifbar und Richterin Salesch musste zwei neue Nudelsoßen bewerben. So ganz brutal den Justizbehörden der Provinz ausgeliefert, wurde Joe als der einzig Volljährige zu einer Haftstrafe verurteilt.
Im Gefängnis vermisste er nichts. Dank seines weichen Gangs und seines nachgiebigen Charakters hatte er schnell Verehrer und Beschützer gefunden und war bei Insassen und Personal gleichermaßen beliebt. So konnte er auf mittlerer Führungsebene einen gut florierenden Handel zwischen der Welt draußen und den Gefängnismauern aufbauen. Schnell war die Ratte wieder an seiner Seite. Er konnte sich nicht erinnern, dass es in seinem Leben jemals soviel Planbarkeit gegeben hätte. Er nutzte die Zeit gut. Es gab soviel zu lernen. Wie dumm er doch war. Brandbeschleuniger, Dämmungsverhalten, Reaktionszeit... Er hatte eine Menge Spezialisten um sich herum. Der gleichmäßige Fluss der Tage machte ihn geradezu glücklich. Und doch, nachts, wenn Joe die Augen schloss, die Ratte an sich gedrückt, malte er ihr seine Vision der zukünftigen Freiheit mit heiseren Worten ins Ohr.
„Wir werden alles richtig machen. Man muss nur an verschiedenen Stellen zugleich beginnen. Weißt du noch, wie das Feuer gesungen hat? Diese vielen Formen, dieser Tanz, erinnerst du dich? Wir werden alles richtig machen, ich versprech‘s. Wir beide machen, dass alles großartig wird. Richtig schön. Und wenn diese Stadt fertig ist, ziehen wir weiter. Endlich kommen wir mal rum. Endlich wird alles gut und schön. Du und ich, wir werden alles verändern. Alles. Wir müssen es tun.“
Die mantragleiche Beschwörung kroch durch die Mauern, schwang sich in den Himmel und setzte sich als Albtraum auf die Dächer der Stadt.